Im Oktober kamen die internationalen Schachsammler zu ihrem jährlichen Treffen im Landesmuseum von Braunschweig. Einen geeigneteren Ort kann man sich kaum vorstellen, finden sich dort doch die auf Herzog August den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel (1579 bis 1666) zurückgehenden wunderbaren Schachfiguren. Unter dem Pseudonym Gustavus Selenus veröffentlichte dieser 1616 das erste deutsche Schachbuch Das Schach- oder Königsspiel . Darin weist er darauf hin, dass "macht und hoheit eines Fürsten ohne der unterthanen beystand und hülfe nicht bestehen noch sicher" sein könnte. Für ihn ist das Schachspiel nicht wie im Mittelalter nützlich, um die göttliche Ordnung des Staates zu repräsentieren, sondern um militärisches und strategisches Denken zu fördern. Das Schachspiel sei ein "geistiger Exerzierplatz". Schon 1545, also kaum zehn Jahre nach Erscheinen von Machiavellis Il Principe, hieß es: "Fast alle Spiele seyndt schädtlich und ärgerlich, aber das Schachspiel ist rhümlich und nutzlich. Denn wer den Schach hat erfunden, der hat ein Modell gemacht der Kriegßkunst."

Andererseits schreibt Selenus: "Die Weybsleute sindt im Hause in besserer Huth und sollen außer demselben nicht herumschweyfen, dieweyl sie sich dadurch Wildheit verthun möchten."

Diese Ermahnung ist vermutlich nicht zur 19-jährigen Stefanie Barrenechea aus Bolivien gedrungen, die im November bei der Schacholympiade in Dresden herumschweyfte und dort als Weiße am Zug ihre Gegnerin Ekaterina Naipal recht wild in fünf Zügen mattsetzte. Wie kam's?

Helmut Pfleger