Das waren noch Zeiten, als Bruce Springsteen allein durch die amerikanische Nacht brauste, ein Sohn Suburbias im 59er Chevy, stets auf der Suche nach dem gelobten Land hinter dem Horizont. Vom Fahren handelten seine Songs, von der Weite der Landschaft und jenem köstlichen Gefühl von Freiheit, das sich einstellt, wenn man den Boden unter den Füßen zu verlieren beginnt. Jetzt muss die Geschichte der Highway-Romantik neu geschrieben werden: Der Boss fährt nicht mehr, er ist angekommen. Schuld daran ist Barack Obama.

Am Sonntag, als die Welt nach Washington blickte, wo die Inaugurationsfeierlichkeiten mit einem Konzert begannen, schien Springsteen beim Entern der Bühne noch ganz der alte. Die gepflegte Nichtfrisur und das Truckerbärtchen gaben ihm trotz seiner knapp sechzig Jahre das Aussehen eines Jungen von nebenan, der mal eben vorbeigekommen ist, um beim Müllraustragen zu helfen. Dann erhob er die Stimme. Und wie er so dastand, mit dem Segen des steinernen Lincoln über ihm, und in Begleitung eines hundertköpfigen Gospelchors von den Glocken sang, die er am Morgen des heutigen Tages gehört habe, da wusste man, dass ein verlorener Sohn heimgekehrt ist.

Es ist ein geläuterter Bruce, der dem neuen Präsidenten an diesem Abend seine Aufwartung machte, ein Mann, der den Sünden der Landstraße abgeschworen und stattdessen gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen. Packen wir’s an, dann können wir’s schaffen, lautet die Botschaft – eine überraschende Wendung im Feld einer Karriere, die einmal auf die große Geste der Verausgabung gegründet war. Bei Springsteen gebe es zwei Möglichkeiten, schrieb Nick Hornby: Entweder du bleibst, wo du bist, und verrottest. Oder du machst dich auf den Weg und verbrennst. Der neue Bruce kennt keine Seelen im Fegefeuer mehr, er kennt nur noch Amerikaner.

Working On A Dream hat er sein neues Album genannt, doch Songs For A Celebration wäre ein ebenso passender Titel gewesen. Es ist, nun, eine staatstragende Platte geworden, der Soundtrack zur Krönung. Obama wird zwar nie namentlich genannt, doch er ist anwesend, wenn vom Kingdom Of Days die Rede ist oder vom Lucky Day, an dem, nach all den Jahren der Bitternis, endlich wieder Stolz und Zuversicht das Herz erfüllen. In biblischer Sprache, begleitet vom donnernden Sound der E-Street-Band, beschwört das Dutzend Songs eine Zeit herauf, in der spirituelle und weltliche Mächte im Namen des Volkes neu zusammenfinden. Working On A Dream ist das Album, mit dem Springsteen seine Ansprüche als Hof- und Staatssänger geltend macht. Der Volkstribun des Rock’n’Roll schließt mit dem politischen Machthaber einen Pakt auf die Zukunft.

Der Rock’n’Roll ist dort angelangt, wo die Entscheidungen fallen

Dass er mit seiner Sehnsucht nach einem Bündnis zwischen Pop und Macht nicht allein dasteht – auch das zeigte der vergangene Sonntag noch einmal eindrücklich. Soul Brother Stevie Wonder, die Stammesfürstinnen Sheryl Crow und Shakira, dazu Hollywood-Granden vom Schlage Denzel Washingtons – alle waren sie gekommen, um dem Erwählten Songs und Grußworte zu Füßen zu legen. Obamas Kunst indes bestand darin, auch bei diesem hochsymbolischen Akt niemanden auszuschließen. Erstmals wurde der Welt vor Augen geführt, wie Amerika feiert, wenn ein Präsident die Popkultur nicht nur zu Wahlkampfzwecken nutzt, sondern auch mit ihr repräsentieren geht. Damit ist der Rock’n’Roll endlich dort angelangt, wo die Entscheidungen fallen: im Weißen Haus. Umgekehrt freilich bedeutet dies das Ende der Illusion, Pop sei staatsfern.

Dieser Schulterschluss markiert den Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits in den Sechzigern begann. Damals traten die Gegenkulturen in Opposition zum System, das sie zugleich verändern wollten. In den Achtzigern kam es zu der ironischen Situation, dass sowohl Ronald Reagan als auch sein Herausforderder Walter Mondale Springsteens Born In The U.S.A. als Patriotenhymne für sich reklamierten – der Boss lehnte das Angebot mit den Worten ab, er habe seine Herkunft nie vergessen. Bill Clinton schließlich gilt als erster "Rock-’n’-Roll-Präsident", letztlich war aber auch er bloß ein linkischer Mann, der so tat, als könne er Saxofon spielen. Erst mit Barack Obama ist es cool geworden, im Boot zu sein. Bleibt die Frage, ob das auch gut für die Künste ist.