Auf dem Schreibtisch steht sein Mittagessen, ein Teller mit Broten, ein Schälchen mit Obst. Aber Jürgen Rüttgers setzt sich nicht an seinen Schreibtisch. Er lässt sich in einen breiten Ledersessel fallen. Er muss nicht reden und nebenher essen, er kann sich Zeit nehmen für ein Gespräch. Wozu Hektik? Es läuft ja alles.

Vor knapp zwei Wochen hat Rüttgers öffentlich gefordert, dass der Staat sich in der Krise notfalls direkt an gefährdeten Betrieben beteiligen müsse, nicht nur an Banken. Der CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen warnte vor der "strukturverändernden Zerstörungskraft der Krise", vor der "spürbaren Deindustrialisierung" der Republik. Einen staatlichen Investmentfonds wollte er dagegen in Stellung bringen, der, wenn nichts anderes hilft, bei bedrohten Unternehmen einsteigt: den "Deutschlandfonds". Die CDU – und an ihrer Spitze die Kanzlerin – diskutierte tagelang darüber. Die SPD spottete. Dann war der Vorschlag vom Tisch. Normalerweise hätte man den Fonds nun vergessen können.

Aber diese Zeiten sind nicht normal.

Und so sitzt Jürgen Rüttgers nun in seinem Büro in der Düsseldorfer Staatskanzlei, er schlägt die Beine übereinander, verschränkt die Hände hinter dem Kopf, lächelt. "Nach allem, was ich aus den Unternehmen höre, wird der Ruf nach Staatsbeteiligungen kommen", sagt er. Und dann wird der Deutschlandfonds doch noch Wirklichkeit.

Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise gilt in der deutschen Politik ein neues Gesetz der Evolution. Ein überzeugtes Nein mutiert regelmäßig zu einem ebenso überzeugten Ja. Es muss sich nur die Lage von Monat zu Monat verschlimmern. Noch im Herbst sagten Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Vize Frank-Walter Steinmeier Nein zur Idee eines Konjunkturprogramms. Dann verkauften die Autokonzerne auf einmal keine Autos mehr, und die Große Koalition brachte das erste Konjunkturprogramm auf den Weg. Wenig später meldeten auch Chemie und Maschinenbau, dass die Aufträge ausblieben. Und die Koalition verabschiedete ein zweites, weit größeres Konjunkturprogramm.

An diesem Mittwoch gab die Bundesregierung ihre neue Prognose bekannt: Demnach schrumpft die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 2,2 Prozent. Trotz Konjunkturprogramm. Minus 2,2 Prozent bedeutet: Firmenpleiten, Arbeitslose und jeden Tag neue Berichte über die größte Krise in der Geschichte der Bundesrepublik. Dann wird es wieder heißen, die Politik müsse handeln. "Das ist die typische Dynamik einer solchen Krise", sagt Stefan Homburg, Ökonomieprofessor an der Universität Hannover. Je mehr schlechte Nachrichten kommen, desto schneller wird die Bundesregierung über weitere Rettungsmaßnahmen diskutieren. Dann wird der Deutschlandfonds wieder zum Thema werden. Und Matthias Bittner wird sich bestätigt fühlen.

Bittner lebt in einer eleganten Altbauwohnung in München. Der 61-Jährige ist einer der großen alten Männer der Deutschland AG, ein Ideengeber im Hintergrund. Von ihm stammt der Plan direkter Staatsbeteiligungen in der Krise. Der Ideengeber Bittner und der Politiker Rüttgers kennen sich nicht, aber Bittners Vorschlag landete über Umwege beim ehemaligen Chef der Unternehmensberatung McKinsey, Jürgen Kluge. Dieser trug sie Rüttgers vor. Bittner war selbst lange bei McKinsey, saß im Beirat mehrerer Autozulieferer, arbeitet heute als selbstständiger Berater. "Es gibt viele Leute, die mich kennen, aber nur wenige, mit denen ich intensiv zusammenarbeite", sagt er. Zu oft hat er erlebt, dass eine gute Idee zu früh lanciert wurde – und verbrannte.