Auch der Deutschlandfonds, so Bittner, wurde zu früh bekannt. "Die deutschen Politiker waren auf so einen weitgehenden Vorschlag doch gar nicht vorbereitet." Jahrelang hatten Regierungsvertreter erklärt, der Staat solle sich aus der Wirtschaft zurückziehen. Post, Telekom, die Energiekonzerne: Ein Staatsbetrieb nach dem anderen ging in private Hände über. Und jetzt soll sich der Staat wieder einkaufen?

Es ist vor allem eine Branche, die derzeit ums Überleben kämpft: die Autoindustrie. Aber es sind nicht die großen Konzerne, es sind nicht Daimler, BMW, Ford oder VW, die nach Einschätzung von Bittner und anderen kurz vor der Pleite stehen. Es sind viele Zulieferbetriebe. Sie stellen heute vier von fünf Teilen jedes neu vom Band laufenden Autos her, obwohl ihre Namen kaum ein Mercedes- oder Opelfahrer kennt. Diese Firmen sind es, die der Deutschlandfonds retten soll. 320.000 Menschen arbeiten in der deutschen Zulieferindustrie, und wie sehr sie die Auswirkungen der Rezession spüren, ist in Ansätzen sichtbar: Allein in den vergangenen vier Wochen sind fünf Betriebe in die Pleite gerutscht, 10.000 Jobs stehen auf der Kippe. "Viele Zulieferer wissen nicht, wie es weitergehen soll", sagt Bittner. Autozulieferer haben traditionell kaum Eigenkapital. Von den Banken bekommen sie keine Kredite mehr. Und die Autokonzerne können anders als in früheren Krisen nicht mit Finanzhilfen einspringen. Sie sind selbst angeschlagen.

Als besonders gefährdet gelten jene Zulieferer, die von Finanzinvestoren aufgekauft und dann mit Schulden überladen wurden, um den Kauf zu finanzieren. Der größte Pleitefall der vergangenen Wochen, der Leverkusener Bremsbelaghersteller TMD Friction, gehörte gleich mehreren Private-Equity-Gesellschaften. Keiner dieser Investoren, landläufig Heuschrecken genannt, hatte das Geld, um die Firma zu retten. Vielen Finanzinvestoren droht selbst die Insolvenz.

Normalerweise würde der Markt das Problem lösen. Es kämen private Käufer, neue Besitzer, die die angeschlagenen Zulieferer retten. Aber diese Käufer gibt es nicht. Nicht jetzt. Kaum ein Betrieb hat derzeit die Kraft, die Übernahme eines anderen zu finanzieren. Der Deutschlandchef eines großen Finanzinvestors befürchtet unter den Zulieferern "eine Pleitewelle unvorstellbaren Ausmaßes".

Und dann? Dann müssten Merkel und Steinmeier vor die Kameras treten, und sie hätten keine andere Antwort, als dass dies eben der Strukturwandel sei, die Marktwirtschaft. Dass in Deutschland künftig keine Autositze oder Rückspiegel mehr produziert würden, so wie kaum noch jemand Radios oder Fernseher, Hemden oder Hosen produziert. Dass es eben darum gehe, neue Branchen aufzubauen. Jedenfalls müssten sie das sagen, wenn sie sich an die Erkenntnisse der meisten Ökonomen hielten. Aus deren Sicht kann man in der Rezession der Wirtschaft als Ganzes per Konjunkturprogramm zu höheren Umsätzen verhelfen. Aber es wäre unsinnig, einzelne Firmen oder Branchen künstlich am Leben zu halten.

Ihr Argument: Niemand, kein Finanzminister und kein Staatssekretär, wisse, welche Unternehmen es verdienten, gerettet zu werden. Wer verfügt über ein profi- tables Produkt, wer wirtschaf- tet solide, wer hatte bisher nur Glück? Und wenn erst die Autozulieferer mit öffentlichen Mitteln gerettet sind, was ist dann mit der Chemie? Dem Maschinenbau? Dem Einzelhandel? Der Ökonom Ludwig von Mises hat diese Dynamik schon 1929 beschrieben, sein Gedanke ging als "Ölflecktheorem" in die Wissenschaft ein. Demnach verbreitet sich der Staat, wenn er einmal anfängt, massiv in das Marktgeschehen einzugreifen, wie Öl auf dem Wasser. Am Ende ist er überall mit drin. "Die Gefahr ist, dass falsche Strukturen auf Kosten des Steuerzahlers konserviert werden", sagt der Wuppertaler Ökonom Ronald Schettkat. Deshalb würde jede Bundesregierung den Deutschlandfonds normalerweise ablehnen.

Aber diese Zeiten sind eben nicht normal.