Das Sterben der Textilindustrie oder der Hersteller von Unterhaltungselektronik zog sich über Jahrzehnte hin. Bis heute gibt es einzelne Überlebende. Das Land hatte Zeit, sich an das Verschwinden dieser Branchen zu gewöhnen, die Arbeiter hatten Zeit, sich neue Jobs zu suchen. Heute wäre das anders.

Heute geht es nicht um Jahrzehnte, sondern um Monate. Auch wenn die Arbeitslosigkeit bisher kaum gestiegen ist; auch wenn die meisten Firmen es "bisher vorziehen, ihre zum Teil für viel Geld ausgebildete Stammbelegschaft zu halten", wie Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, sagt: Diese Strategie kann man nicht sehr lange durchhalten. "Deshalb ist es so wichtig, dass die Krise zeitlich begrenzt bleibt, dass das Schlimmste vorüber ist, bevor die Massenentlassungen im großen Stil einsetzen", so Möller.

Als die Bundesregierung ihr 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket für die Banken auflegte, begründete sie das mit dem "systemischen Risiko" des Finanzsektors. Brächen die Banken zusammen, sei das gesamte Wirtschaftssystem in Gefahr, weil dann allen Unternehmen das Geld ausgehe. Die Anhänger des Deutschlandfonds argumentieren nun, dass es in der Automobilindustrie eine ähnlich enge Vernetzung gebe. Viele Zulieferer seien de facto ausgelagerte Forschungsabteilungen der Autohersteller – bei ihnen entscheide sich, wie gut die deutschen Autos seien. Wenn also auch in Zukunft noch Autos aus München, Stuttgart oder Köln kommen sollen – kleinere, ökologische, modernere Autos –, dann dürften die Zulieferer nicht untergehen. Selbst um den Preis, dass der Staat jene Vorbesitzer herauskaufen würde, die an der Krise mit schuld sind: die Heuschrecken.

Früher, in den Zeiten der Deutschland AG, als ein Geflecht von Bankbeteiligungen an allen großen Industriekonzernen das Land überzog, entschieden die Chefs der Deutschen Bank, der Dresdner Bank, von Daimler oder Siemens, wer mit wem fusionierte. Welche Firma eine Zukunft hatte und welche nicht. Es waren strategische Entscheidungen, keine kurzfristigen Managementmoden. Heute, da dieses informelle Gremium zerfallen ist, muss ein anderer entscheiden. Aber wer? Wenn die Selbstheilungskräfte des Marktes nicht wirken, wenn Verkäufer und Käufer nicht zueinanderfinden: Muss dann doch der Staat ran? Nur für eine gewisse Zeit?

Es ist eine verstörende Frage, für Politiker wie Ökonomen, weil es auf sie keine einfache Antwort gibt. Nicht in dieser Krise. "Wer hätte vor einem Jahr geglaubt, dass wir mit 500 Milliarden Euro für die Banken bürgen?", sagt Jürgen Rüttgers. "Wer hätte gedacht, dass wir zwei Konjunkturpakete schnüren?" Auch indem die Koalition nun angeschlagenen Firmen mit Bürgschaften über 100 Milliarden Euro zu Hilfe eilt, verzerrt sie bereits den Wettbewerb. Denn sie entscheidet, wer günstig Kredit bekommt. Die Regierung hat also den Weg zum Äußersten schon eingeschlagen: zu direkten Firmenbeteiligungen.

Etwas Neues ist das allerdings nicht. Selbst in der Phase der großen Privatisierungen hat es immer wieder neue Staatsbeteiligungen gegeben. Meist über die Landesbanken, etwa die WestLB in Nordrhein-Westfalen, die aus dem Industriekonzern Preussag den Tourismusanbieter TUI formte. Manchmal stieg der Staat direkt ein, so wie die Stadt Hamburg bei Beiersdorf. Auch die Regierung Merkel hat keine Scheu vor Industriepolitik: 2006 organisierte das Kanzleramt ein Bankenkonsortium, um beim Raumfahrtkonzern EADS den deutschen Einfluss zu wahren.

Es ist der Montagmorgen dieser Woche, als Kurt Lauk im Foyer des Berliner Adlon-Hotels sitzt. Der Chef des CDU-Wirtschaftsrates hat die Beine nebeneinandergestellt, seine Ellbogen drücken auf die Oberschenkel, die Hände gestikulieren, der ganze Mann ist auf dem Sprung. Kurt Lauk könnte jetzt ganz entspannt sein. Er war es schließlich, der seiner Partei die Idee des Deutschlandfonds ausredete. Aber Lauk ahnt wohl, dass die CDU ihm nicht lange folgen wird. Zu wenige Unternehmer stellen sich öffentlich hinter ihn, zu groß ist deren Not. "Viele Manager", sagt er, "halten den Mund. Sie wissen nicht, ob sie womöglich bald schon die Hand aufhalten müssen" – für Staatsgeld.