In Friedenszeiten kommen auf 100 neugeborene Mädchen etwa 105 Jungen. Die Sterblichkeit unter Jungen ist größer, und offenbar wird da vorausschauend ein Überschuss produziert. Nach Kriegen steigt diese Überproduktion, das zeigt zumindest die deutsche Geburtenstatistik: Nach dem Ersten Weltkrieg wurden plötzlich 108 Jungen pro 100 Mädchen geboren, der Überschuss ging dann bis 1939 langsam wieder zurück, um 1946 wieder auf 108 zu steigen. Erst 1960 lag die Zahl wieder unter 106. Derselbe Effekt ist auch in den Statistiken Großbritanniens , Belgiens, Irlands und Frankreichs zu beobachten.

Im Krieg sterben mehr Männer als Frauen, deshalb ist dieser Ausgleich durchaus sinnvoll. Aber wie macht »die Natur« das? Das Geschlecht eines Kindes wird ausschließlich durch den väterlichen Samen bestimmt, der entscheidet, ob sich zum X-Chromosom der Frau ein zweites X gesellt oder ein Y. Bisherige Erklärungen für den Nachkriegseffekt waren etwas windig, etwa die Vermutung, heimkehrende Soldaten hätten besonders viel Sex mit ihren Frauen. Daher sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Befruchtung früher im Menstruationszyklus der Frau stattfinde, und da hätten die männlichen Spermien bessere Chancen.

Nun kommt der Doktorand Corry Gellatly von der Universität in Newcastle mit einer neuen Erklärung (veröffentlicht im Dezember in der Zeitschrift Evolutionary Biology ): Er weist zunächst einmal anhand von Stammbäumen nach, dass manche Männer eher Söhne zeugen und manche eher Töchter und dass dies offenbar erblich ist. Und dann argumentiert er: Wenn man jeder Familie im Krieg einen Sohn wegnimmt, dann haben Männer mit vielen Brüdern eine höhere Überlebenschance – entsprechend werden in der nächsten Generation mehr Jungen geboren. Christoph Drösser

Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de . Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio