Barack Obama hat noch nicht richtig Platz genommen an seinem Schreibtisch im Oval Office, da erreicht die nächste Welle der Finanzkrise den neuen Präsidenten. Die Flut der Verluste bedroht nun auch die Großbanken, die lange Zeit als Stützen des Systems galten. Und die bisherigen Rettungsmaßnahmen scheinen kaum zu wirken. Dabei hat die Bush-Regierung bereits mehr als 370 Milliarden Dollar aus ihren 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket ausgegeben, und die Notenbank hat ihrerseits Billionen beigesteuert.

Vergangene Woche nun musste sich die Bank of America, der zweitgrößte Finanzkonzern des Landes, hilfesuchend an die Regierung wenden. Der Riese, der 1.200 Milliarden Dollar an Ersparnissen und Vermögenswerten verwaltet, hat sich offenbar übernommen, als er vor ein paar Monaten die angeschlagene Investmentbank Merrill Lynch kaufte. Diese hat in den vergangenen sechs Quartalen Verluste in der unvorstellbaren Höhe von 39 Milliarden Dollar angehäuft. Speziell die letzten drei Monate des Jahres 2008 verliefen katastrophal, und so musste Bank-of-America-Chef Kenneth Lewis, bisher als eine Art Retter der Wall Street gefeiert und erst im Dezember zum "Banker des Jahres" gekürt, um neues Kapital bitten. Insgesamt hat die Bank of America inzwischen 45 Milliarden Dollar aus Regierungshand erhalten; zudem bürgt der Staat für Verluste aus 118 Milliarden Dollar an Wertpapieren in ihren Beständen.

Der Aufschrei über die Probleme der Bank of America verdrängte kurz sogar das unrühmliche Ende eines anderen Wall-Street-Riesen, der Citigroup. Noch vor Monaten war Citi mit mehr als 300.000 Mitarbeitern und Geschäften in mehr als 100 Ländern das mächtigste Finanzkonglomerat der Welt. Jetzt gilt die Bank als ein gigantischer Haufen Probleme. Trotz einer massiven Spritze von 45 Milliarden Dollar aus dem Rettungspaket sowie einer Rekordsumme von 306 Milliarden Dollar staatlicher Garantien für Wertpapierverluste ging Citi das Kapital aus. Jetzt wird der Finanzriese zerschlagen und in Einzelteilen verkauft, wenigstens ein Kern der Institution soll dabei noch gerettet werden. Welcher Konkurrent sich aber in diesen schweren Zeiten am Resteverkauf beteiligen soll, ist bisher noch offen.

Für die kommenden Monate macht sich die US-Finanzbranche noch viel größere Sorgen. Die Welle der Verluste aus der Hypothekenkrise, die die Kapitalbasis der Institute aushöhlen, ebbt nicht ab. Die Lage bei Unternehmen und privaten Haushalten wird schlechter, die Zahl der Insolvenzen bei Unternehmen ist im dritten Quartal 2008 um über 60 Prozent gestiegen, das Heer der Arbeitslosen wächst. In den Büchern der Banken schlägt sich das mit Kreditausfällen und massiven Ertragseinbrüchen nieder.

Nach jüngsten Hochrechnungen von Jan Hatzius, US-Chefökonom bei Goldman Sachs, werden die Verluste der Banken aus US-Immobilienhypotheken auf 1,1 Billionen Dollar anschwellen, viel mehr als bisher gedacht. Hatzius erwartet, dass die Ausfälle bei Industriehypotheken, Auto- und Konsumentenkrediten sich auf eine weitere Billion belaufen werden. Davon habe die Bankenbranche bisher gerade mal die Hälfte offiziell verbucht, so der Volkswirt. Gerade bei Investoren und Banken in Europa und Asien gebe es wohl noch unbekannte Löcher in den Bilanzen.

Dringliche Probleme – doch wie damit umgehen? In Washington ist Streit darüber ausgebrochen, wie mit der neuen Runde an Bankenhavarien umgegangen werden soll. Bushs Finanzminister Henry Paulson hatte die Mittel aus seinem Nothilfepaket bisher als Kapitalspritze in die verschiedenen Banken gepumpt, und zwar mehr oder weniger nach Gutsherrenart – sehr zum Ärger der Demokraten. Jetzt will die demokratische Mehrheit im Kongress erreichen, dass die restlichen Mittel unbedingt auch überforderten Hausbesitzern und überlasteten Konsumenten helfen.

Notenbankchef Ben Bernanke hat noch eine ganz andere Idee: Vergangene Woche meldete er sich überraschend zu Wort und plädierte dafür, den Banken ihre "toxischen" Wertpapiere abzunehmen. Darin schlummern nämlich kaum abschätzbare Verluste, und deshalb sind die Investoren so misstrauisch gegenüber den Banken. Ein seltsam vertrauter Lösungsansatz: Das war Paulsons ursprünglicher Plan gewesen, für ihn hatte er die Zustimmung der Volksvertreter erhalten. Aber dann steckte er das Geld lieber direkt in staatliche Beteiligungen an den großen US-Banken.