Zu den Debatten über Ungleichheit gehört ein Paradox: Je weniger Arme es gibt, desto mehr wird über sie gesprochen – und umgekehrt. Krisenjahre sind meist keine gute Zeit für Diskussionen über die Ärmsten. Politiker profilieren sich stattdessen mit Wirtschaftskompetenz und Vorschlägen für die Rettung von Unternehmen. Das gilt auch jetzt, obwohl es neue Zahlen zur Verteilung des Wohlstands in Deutschland gibt, die mindestens so viel Aufmerksamkeit verdienen wie die Armutsstudien, die in den Wachstumsjahren für Aufregung sorgten.

Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) driften nicht nur die Einkommen, sondern auch die Vermögen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen auseinander. Diese Ungleichheit halten viele Ökonomen für wichtiger als die stärker beachteten Unterschiede bei Löhnen und Gehältern. An den Vermögen, so empfehlen beispielsweise die Wirtschaftsweisen, sollte der Staat etwas verändern, wenn er eine gerechtere Verteilung zwischen Arm und Reich bewirken wolle. Wer Erbschaften oder Vermögen besteuere, vermindere die Leistungsbereitschaft seiner Bürger weniger als durch fast alle anderen Steuern, mahnt der scheidende Vorsitzende des Sachverständigenrats Bert Rürup.

Der staatliche Ausgleich zwischen den Einkommensbeziehern funktioniert in Deutschland im internationalen Vergleich gut. Doch von den Vermögensbesitzern etwas zu verlangen fällt den Politikern erstaunlich schwer, wie zuletzt die Reform der Erbschaftsteuer gezeigt hat. Selbst bei der SPD gilt die Belastung von Erben nicht als ein Thema, mit dem man Stimmen fängt.

Dabei hat bei den Vermögen in der Zeit zwischen 2002 und 2007 nur eine Gruppe zugelegt: die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung. Nur sie konnten nach den DIW-Erhebungen ihren Anteil am Volksvermögen erhöhen. Im Jahr 2002 verfügten sie über 58 Prozent aller im Lande vorhandenen Vermögenswerte, 2007 gehörten ihnen mehr als 61 Prozent. Alle anderen Gruppen – vom zweitreichsten Zehntel der Bevölkerung bis zum ärmsten – sahen zu, wie ihr Anteil kleiner wurde oder unverändert blieb.

Als Vermögenswerte galten bei dieser Erhebung unter anderem Immobilien, Betriebsbesitz, Sparguthaben und Lebensversicherungen. Schulden wurden abgezogen, Autos und Hausrat nicht erfasst. Im Durchschnitt besaß jeder erwachsene Bundesbürger demnach Anfang 2007 ein Vermögen von rund 88.000 Euro, etwa 8.000 Euro mehr als 2002. Durchschnittswerte verschleiern allerdings die dahinter stehende Verteilung. Die Hälfte aller Bürger besaß nach den DIW-Berechnungen nicht mehr als 15.288 Euro. Dieser Wert hat sich gegenüber 2002 kaum verändert, damals lag er bei 15.000 Euro. Die große Masse der Bevölkerung ist also keineswegs reich.

Die Finanzkrise könnte die Ungleichheit wieder verringern

In Ostdeutschland wurden viele Menschen sogar ärmer. 2002 verfügte dort die Hälfte der Einwohner über bis zu 7.570 Euro, 2007 nur noch über 6.909 Euro. Im Westen lag die Mitte zwischen der wohlhabenderen und der weniger vermögenden Bevölkerungshälfte 2007 bei 20.110 Euro, ein Zuwachs um elf Prozent. Den Hauptgrund für die Verluste im Osten sieht das DIW im gesunkenen Marktwert vieler Ost-Immobilien. Auch die Hartz-Reformen, vermuten die Forscher, könnten einen Einfluss haben: Im Osten ist die Langzeitarbeitslosigkeit besonders verbreitet, Arbeitslosengeld II erhält aber nur, wer bedürftig ist und über kein großes Vermögen verfügt. Viele Erwerbslose könnten daher gezwungen gewesen sein, ihr Erspartes aufzubrauchen. Der Anteil der Arbeitslosen, die kein Vermögen besitzen, ist jedenfalls gestiegen – auf knapp 50 Prozent.