Ich hätte zu gerne gewusst, ob sie schwanger gewesen ist! Sie, Mary, die Freiin von Vetsera, letzte Geliebte des österreichischen Kronprinzen Rudolf – erst soll er sie, dann soll er sich erschossen haben. Vor 120 Jahren. Am 30. Januar 1889. Restlos geklärt wurde das nie. Deshalb bin ich da.

Und was mache ich hier? An diesem eiskalten Januartag, 50 Kilome- ter weg von Wien, die schneegeräumte Allee entlang, auf einem Dorffriedhof, unter fahlblauem Himmel? Krähen über mir, Mülltonnen hinter mir, mannshohe Mauern um mich herum, alte, hohe Bäume, ein Geräteschuppen und der Wind, der die Motorengeräusche der "Go West"-Autobahn herüberweht, geheimnisumwittert irgendwie.

Und? Ich stehe immer noch vor der schmiedeeisengittergezierten Einfriedung des Grabes der Baroness. Und mache mir Gedanken. Fröstelnd. Um diese junge Frau mit begehrlichem Blick, frühreif üppigem Körper; verknallt in den sex-, alk-, drogenabhängigen, geschlechtskranken Thronfolger; verschossen ist sie mit ihm in den Tod gegangen. Und hinterließ einen Mythos, den die Monarchie erst gemacht hat – durch systematische Verschleierung aller Tatsachen. Und da sich in diesen zwei Liebe & Politik paaren, können die Legenden blühen um Mord, Freitod, Unfall, Attentat.

Schneebedeckt das mannshohe Marmorkreuz auf einem Bruchsteinsockel. Eine Marmorplatte, eingelassen mit dem Namen, die Initialen verziert mit floralem Rankenwerk. Der Grabspruch zitiert das Alte Testament: "Wie eine Blume sprosst der / Mensch auf und wird / gebrochen". Aber Dulder Hiob, der Bibelspezialist für schwere, ungerechte Schicksalsschläge, spricht seinen Vers 14,2 weiter: "Flieht wie ein Schatten und bleibt nicht!"

Vier Ami-Frauen fallen ein für vier Minuten und vier Fotos. Fragen: "Bathroom"? Wozu? "To powder one’s nose!" Und weg.

Schneebedeckt auch die frischen Blumen, die von Frau Fritz hier ihrer "fiktiven Freundin Mary" immerzu geschenkt werden. Jene Ingrid Fritz, genannt "Frau Mayerling", die seit genau 20 Jahren unnachgiebig ihre Lebensaufgabe pflegt. Systematisch forscht die Hausfrau und Mutter dreier Kinder gegen alle Mystifikationen um Mary und Mayerling – jenes Jagdschloss, ein paar Minuten weg von hier, wo der Doppeltod geschah. An die 70 Möbelstücke, das Lotter- und Sterbebett der beiden inklusive, hat sie in Depots entdeckt und Wesentliches beigetragen zu den zwei großen Wiener Ausstellungen, dem Kaisersohn gewidmet: Kronprinz Rudolf – Lebensspuren , anlässlich seines 150. Geburtstages.

Brumm, brumm, Bremse, ein Bus aus Bologna, 17-, 18-, 20-mal ein plapperndes Modell, Bella Donna in Pelzmantel, Kanin-auf-Nerz, die japanische Fremdenführerin beginnt auf Italienisch mit spanischem Akzent von "Absburgo" in die ewige Ruhe zu krähen, mit Fremdenführer-Regenschirm mich resolut ins Nachbargrab fuchtelnd, aber – vier ihrer Damen suchen ein "gabinetto". Armes "mistero"! Brumm, brumm, geht’s back to Bologna.