Die Tür zur Umkleidekabine steht offen. Die Norwegerin Anette Sagen lehnt im Rahmen und spricht in ein Mikrofon. "Ich glaube nicht, dass wir bei den Olympischen Spielen starten…" Da bekommt sie von der Seite einen freundschaftlichen Tritt in den Hintern. "Hey, denk positiv!", ruft die Amerikanerin Lindsey Van. Der Radioreporter schaut verdutzt, die Norwegerin bessert ihr Interview nach: "Ich hoffe, dass wir in Vancouver springen dürfen. Aber ich rechne nicht damit."

Die beiden Frauen betreiben eine Sportart, die in der Öffentlichkeit bislang als reine Männersache galt: Skispringen. Das wird sich bald ändern. Im Februar kämpfen sie bei den Skiweltmeisterschaften im tschechischen Liberec erstmals um Medaillen. Und im April verhandelt ein kanadisches Gericht die Klage der Springerinnen gegen das Organisationskomitee der Olympischen Spiele von Vancouver. Das Fehlen eines Frauenwettbewerbs im Skispringen, so argumentiert ihr Anwalt Ross Clark, verletze die kanadischen Gleichstellungsrechte.

Am vergangenen Wochenende hat sich die Weltelite dieser Sportart zu zwei Wettkämpfen im Schwarzwald versammelt. Ein Blick auf die Tafel an der Ruhesteinschanze in Baiersbronn zeigt, wo die Frauen stehen: Dieter Thoma wurde 1997 hier deutscher Meister – mit einer Weite von 90 Metern. Den Schanzenrekord hält Juliane Seyfarth; sie sprang vor drei Jahren 98 Meter. 40 Springerinnen treten an, 13 kommen aus Deutschland.

Ulrike Gräßler führt die Gesamtwertung im Continental Cup an, das ist eine weltweite Serie von 19 Wettkämpfen. Gräßler ist 21 Jahre alt und stammt aus Eilenburg bei Leipzig. Als sie sechs Jahre alt war, nahm ihr großer Bruder sie mit an die Schanze. Wettkämpfe für Mädchen gab es nicht, sie sprang gegen die Jungs. Mit 13 ging sie aufs Skiinternat nach Klingenthal, nach dem Abitur bekam sie eine Stelle bei der Bundespolizei. Wäre sie ein Jahr früher mit der Schule fertig gewesen, hätte es diese Möglichkeit der Sportförderung für Skispringerinnen noch gar nicht gegeben.

Ulrike Gräßler ist stolz darauf, einen so schwierigen Sport zu betreiben. "Den kann man nicht einfach mal im Urlaub ausprobieren", sagt sie. Sie trainiert so professionell wie Martin Schmitt. Anfang Mai hat sie mit der Saisonvorbereitung begonnen. Im Krafttraining im Sommer hat sie vier Kilo zugenommen, im Winter wiegt sie 59 Kilo bei einer Größe von 1,75 Metern. Als Sponsor hat sie eine Fruchtsaftkelterei aus ihrer Heimat gewonnen. "Die helfen mir, das Auto zu finanzieren", sagt sie.

Die Gräfin Lamberg sprang 1911 im langen Kleid: 22 Meter!