Ein Wort wie aus dem Märchen. Ein Wort wie ein alter Drache oder ein verlassenes Schloss. Unwort klingt archaisch, weil es an die Untiere, Ungeheuer, Unholde gemahnt, die wir im Laufe der Aufklärung aus dem abendländischen Denken vertrieben haben und die seit dem Ende der Schauerromantik ausgerottet scheinen, zumindest was die seriöse Literatur anbelangt. Aber ist mit den Untieren auch das Ungute – das Böse! wie E. T. A. Hoffmann es pathetisch genannt hätte, the evil! wie Lord Byron es seinen angstschlotternden Lesern vor Augen führte – aus der Welt verschwunden? Mitnichten, und es entbirgt sich allenthalben in unserer Sprache, weshalb mutige Sprachpflegekommissionen einmal ihm Jahr ausziehen, es zur Strecke zu bringen. Diesmal haben sie "notleidende Banken" und "Rentnerdemokratie" zu Unwörtern gekürt, eine noble Tat, die zu kommentieren sich erübrigt, weil das Falsche und das Zynische der geächteten Ausdrücke allzu augenfällig ist. Ein Unwort zu küren hat immer etwas von Moralpredigt, zumal unsere Sprachpfleger keine Drachentöter sind. Sie können das Unwort weder erstechen noch den zugrunde liegenden Gedanken mit dem Schwert abhacken. Aber sie können uns daran erinnern, dass es Unrecht, Unmaß, Unmenschen gibt und dass es manchmal doch hilft, wie in dem Märchen vom Rumpelstilzchen, das Unwort wenigstens auszusprechen. Evelyn Finger

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