Der glaubwürdigste Charakter dieses Films ist der Weltstar Brad Pitt in der Rolle des Benjamin Button, von dem man nie genau sagen kann, ob er redet oder gerade Zigarrenkrümel ausspuckt. Was es bedeutet, sein ganzes Leben im falschen Augenblick zu leben, im falschen Leib zu stecken, muss er nicht simulieren, so beeindruckend verkörpert er diesen ins Leben verirrten Fremdling. Als Benjamin Button elf Jahre alt und ein Greis ist, verliebt er sich in die fünfjährige Daisy, an deren Sterbebett wir uns in der Filmgegenwart befinden. Weltverloren spielen die beiden unter dem Tisch des Altenheims. In ihren Vierzigern treffen sich die Zeiger ihrer biologischen Uhren für ein paar – durch den Griff in die Bilderkiste der kommerziellen Liebesklamotte leider verdorbene – selige Jahre.

Danach bittet der Film um Mitleid für einen Altersunterschied, der in umgekehrter Rollenverteilung zur gewohnten Lebenspraxis in der westlichen Welt gehört. Zum Schluss stirbt Baby Benjamin in den Armen der greisen Daisy (Cate Blanchett), deren letzten Tage auf den knarrenden Schaukelstühlen des Altenheimes verfliegen, in dem alles begann. Anfang und Ende reichen sich die Hände. Der Tod beseitigt die kuriose Ungleichzeitigkeit ihrer Liebe.

Als alles fertig erzählt ist, stirbt Daisy einen modernen Krankenhaustod, wie ihn noch niemand in diesem Schöner-sterben-Film gestorben ist. Sie ist allein. Sie hat ihre Geschichte zu Ende gebracht. Sie dreht den Kopf zum Fenster und atmet nicht mehr. Als Letztes sieht sie, sehen wir mit ihr, einen Vogel, der vor der Fensterscheibe flattert und der vielleicht derselbe Vogel ist, der den sterbenden Filmregisseur Andrej Tarkowskij an seinem Pariser Krankenhausfenster Tag für Tag besucht hat. Für diese Szene, für die stumme Hoffnung, die sie enthält, wird man diesen Film nicht vergessen.