Als die Polizei dann kommt, kurz nach 9.30 Uhr, ist das Gröbste überstanden, sind die Streithähne getrennt. Anke Uhlmann hat einen Schüler am Arm untergehakt und redet beruhigend auf ihn ein. Sie trägt eine rote Strickjacke, Rock und stabile Stiefel, sie muss zu dem Schüler aufschauen, er überragt sie um einiges. Trotzdem scheint er auf sie zu hören. Es war so schnell gegangen, gerade saß Anke Uhlmann, Lehrerin an der Hans-Bredow-Schule, noch im Zimmer von Rektor Hans-Wolf Ebert und besprach die Woche. Da fliegt die Tür auf, und eine Lehrerin ruft: "Herr Ebert, kommen Sie ganz schnell, der Fadil rastet aus!" Ebert und Uhlmann springen auf, rennen die Treppe hinunter in den ersten Stock, trennen zwei Schüler, an jedem hängt eine Traube Mitstreiter, es wird gerangelt und geschimpft, der Pulk schiebt sich über den Flur, über den Pausenhof, hinaus vors Schultor. Ebert ruft über Handy die Polizei. Es ging um ein Mädchen, erzählt Uhlmann, als die Rangelei vorbei ist. Das Heikle bei diesen Streitereien ist, dass immer gleich mehrere Clanmitglieder mitmischen und alles in einer großen Schlägerei zu enden droht.

"Ja", sagt Ebert, "das sind so unsere Probleme, und nebenher müssen wir auch noch Schule machen." Es ist kalt an diesem Dienstagmorgen im Berliner Wedding. Ebert trägt Hemd, Sakko und Krawatte, er muss gleich ins Kanzleramt, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, hat geladen. Vorausgegangen war ein Brandbrief von 68 Schulleitern des Bezirks Mitte, zu dem auch Tiergarten, Moabit und Wedding gehören, in dem Brief war von "Ghettoisierung" die Rede, vom "bildungspolitischen Aus". Der Migrantenanteil liege bei 90 Prozent, der Anteil von sozial benachteiligten Familien bei 65 Prozent, die Schulen würden zu wenig Geld bekommen, um mit diesen Schwierigkeiten klarzukommen.

Anke Uhlmann geht mit dem Rektor wieder nach oben, die Treppenhäuser sehen sauber aus, keine Graffiti. Die Hans-Bredow-Schule ist in einem klassizistischen Gebäude untergebracht. Rechts die Realschule, links die Hauptschule. In die Hauptschule gehen 280 Schüler, ihre Eltern kommen aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus Palästina, aus Polen, aus Exjugoslawien, Italien, Griechenland. Der Migrantenanteil liegt bei 80 Prozent. Lehrer mit Migrationshintergrund gibt es einen.

Im Sekretariat steht noch die Lehrerin, "ich geh da nicht mehr rein, ich habe Angst", sagt sie. Ebert nickt, sagt: "Ruhig immer gleich die 110 rufen."

Trotz der schwierigen Bedingungen will man an der Bredow-Schule nicht kapitulieren. Vielleicht liegt das auch an Lehrerinnen wie Anke Uhlmann. "Ich bin hier genau, wo ich sein wollte", sagt sie, "und mache das, was ich immer machen wollte." Uhlmann ist 40 Jahre alt, hat in Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß, Abitur gemacht, einige Semester Physik studiert, dann umgesattelt auf Sonderpädagogik. Seit einem Jahr unterrichtet sie die Praxisklasse an der Hans-Bredow-Schule. In dieser Klasse sitzen Schüler, von denen viele schwer in den Regelunterricht zu integrieren sind.

Die Neuntklässler sind zwischen 15 und 17 Jahre alt, sie heißen Muhammed, Akin oder Kevin, 13 Jungen, drei Mädchen, selten sind alle da. Mathe Deutsch, Englisch, dann Projektarbeit, von 8 Uhr bis 13.20 Uhr, drei Tage die Woche, an zwei Tagen Praktikum in einem Betrieb. Uhlmann unterrichtet immer mit einem Kollegen. Noch besser wäre zu dritt, um den Bedürfnissen der Schüler gerecht werden zu können. Sollte es zu Gewaltausbrüchen kommen, ermöglicht das schnelleres Handeln. "Ich arbeite niedrigschwellig", sagt sie, "mir ist es wichtig, dass sich die Schüler hier an grundsätzliche Regeln des Miteinander halten." Sie sollen pünktlich sein, Arbeitsmaterialien mitbringen. "Das Problem für viele sind mangelnde Deutschkenntnisse."

Was würde Schulen wie der Bredow-Schule helfen? Es brauchte mehr Lehrer mit Migrationshintergrund, sagt Uhlmann, mehr Schulpsychologen und Sozialpädagogen, und es sollten in allen Klassen zwei Lehrer vor den Schülern stehen. Im Klassenzimmer von Frau Uhlmann, in Raum 311, hängen über der Tafel Schulregeln, aufgeschrieben von den Schülern, formuliert von den Lehrern. Regel Nummer eins: "Wir verhalten uns gegenüber Lehrern und Schülern freundlich und höflich." Regel Nummer zwei: "Wir erscheinen pünktlich." Im Flur vor dem Klassenzimmer hängen Fotos, "eines unserer Projekte", erzählt Uhlmann, die Schüler sollten ihre Lebenswirklichkeit fotografieren. Zu sehen ist: eine Szene aus einem Egoshooter, ein Fernseher, ein Straßenschild: "Türkenstraße", Schüler vor einem Müllauto. Plötzlich hört man Musik im Flur, Uhlmann schaut um die Ecke und ruft: "Kazem, was machst du hier, bist du mal wieder rausgeflogen?" – "Isch bin nischt rausgeflogen, isch bin rausgegangen", sagt Kazem. Was für Pläne haben die Schüler? Die meisten hätten keinen Plan, wollten nicht über die Schule hinausdenken, sagt Uhlmann. Dann muss sie noch raus zu Muhammed, ihrem Musterschüler, er macht gerade sein Praktikum in einem Schuhladen. Die Filialleiterin ist zufrieden mit ihm, er sei pünktlich und habe eine schnelle Auffassungsgabe. "Du bist der Klassenbeste", sagt Frau Uhlmann, in Muhammeds Augen blitzt Stolz auf, "Rufen sie meinen Vater an, der glaubt mir das nicht", sagt er. Anke Uhlmann steigt auf ihr Herrenfahrrad und fährt wie jeden Tag nach Hause, nach Pankow zu ihren drei Töchtern. Das Radeln bringt sie runter, und die eigenen Kinder helfen ihr, den Kopf von der Schule freizukriegen.

Staatsministerin Böhmer hat übrigens nach ihrem Treffen mit den Rektoren den Schulen mehr Geld versprochen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio