Als Wolfgang Emmrich aufbricht, um in die Stadt zu fahren, die ihm seit fast vierzig Jahren Lohn und Brot gibt, hat er weder gegessen noch getrunken. »Lohnt nich«, sagt er auf dem Weg zum Auto, ein Mann von 52 Jahren, Stoppelbart, Winterjacke, die Mütze tief in seine Stirn gezogen. Wieso die Kaffeemaschine anwerfen, wenn Frau und Tochter noch schlafen? Warum mit kleinen Gesten den Morgen feiern, wenn der ganze Stadtteil doch wie tot wirkt? Die digitale Uhr zeigt 4:49, als Emmrich seinen Corsa startet und durch die dunklen Vorstadtstraßen im Dortmunder Osten fährt. Nach Bochum. Zu Opel. Hinein in eine Stadt und ihre Geschichte, in der Arbeit die zentrale Rolle spielt. Und mit der Arbeit die Wirtschaft. Und mit der Wirtschaft die Krisen. Und damit nun auch diese Krise, die so anders ist und so viel schlimmer werden soll als alle Krisen vorher. Dem Opel-Arbeiter Emmrich beschert sie seit Oktober einen von Produktionsstopps durchlöcherten Dienstplan, vergifteten Urlaub.

Eine seltsame Krise ist das, die einem zunächst nur freie Tage schenkt.

Wolfgang Emmrich mit seiner kehligen Stimme, diesem schweren Zungenschlag des Ruhrgebiets, soll der erste Zeuge sein in einer Erkundung, die der Frage nachgeht, wie Krisen über Städte und Menschen kommen und was sie aus ihnen machen. Welche Opfer sie fordern, welche Gewissheiten sie rauben. Wo ließe sich das besser betrachten als in Bochum? Dort, wo eine Laune der Natur einst Kohle presste, weshalb aus einem Bauernnest, das im Jahre 1800 nur 1600 Seelen zählte, ein Jahrhundert später eine Stadt von 65.000 Menschen wuchs. Heute sind es 381.000. Bochum bezieht sein Daseinsrecht aus Arbeit, hat dankbar Ortsteile und Straßen nach ihr benannt. Es gibt hier eine Glückaufstraße, eine Neuflözstraße und eine Gußstahlstraße, ein Krankenhaus mit dem wunderbaren Namen Bergmannsheil und einen Ortsteil, der Stahlhausen heißt. Es gibt den Opelring und die Nokia-Bahn. Es ist, als läge die Wirtschaftsgeschichte in dünnen Sedimenten auf der Stadt. Zuunterst die Kohle, zuoberst der Ruhrschnellweg, auf dem Wolfgang Emmrich nun in Richtung Bochum-Langendreer fährt, wo 1962 auf den Ruinen der Zeche Dannenbaum das Opel-Werk errichtet wurde. So überrascht es nicht, dass auch Emmrichs Leben noch im Bergbau fußt. Man darf das nicht übergehen oder als Klischee verbuchen, weil diese Herkunft bis heute sein Denken und Fühlen – und Fürchten – prägt. In einfachen Worten erzählt er an diesem Morgen im Auto von dem, was sonst so kalt »Strukturwandel« oder »Globalisierung« heißt. »Ich erinner mich noch«, sagt er, »wie bei uns zu Hause der Zechenbus rumfuhr.« Dort, wo heute Jalousien wie müde Lider in den Fenstern hängen, war früher Licht. Männer füllten Teekannen und Brotdosen, ehe sie in Zechen, Stahlwerke und Brauereien fuhren. Früh um fünf brachen ganze Nachbarschaften auf.

Auch Emmrichs Vater arbeitete unter Tage, auf der Zeche Minister Stein. Nach 25 Jahren konnte er nicht mehr. 38 war er damals.

1970 wechselte der Vater in eine Halle voller Licht und Luft: Auf zu Opel! Hier gab es Arbeit für alle! Der Vater bekam einen Platz an der Drehbank. Der Sohn, gerade 13, ging in die Lehrwerkstatt. Die Mutter, sagt Emmrich, »kam in die Hinterachse«. An den Bändern bauten Bergleute, Stahlarbeiter, Metzger, Friseurinnen und Kassiererinnen den Kadett und konnten kaum fassen, wie gut Opel sie entlohnte. Schnell zahlten die Emmrichs ihren Wohnwagen ab, fuhren samstags an die Sorpetalsperre und flogen im Sommer nach Marbella. Ihrem alten Opel Rekord folgte 1971 ein neuer Manta, »in Ocker, mit schwarzer Motorhaube«. Ein paar Jahre später begann Wolfgang Emmrich, Tennis zu spielen.

Draußen zieht das neue Ruhrgebiet vorbei. Getränkemärkte, Einkaufszentren, Gartenparadiese. Industriebrachen und Technologieparks. An einer Kreuzung sagt Emmrich: »Hier stehen oft Leiharbeiter und warten auf Jobs. Arme Kerle.« Menschen, die morgens nicht mehr wissen, was der Tag ihnen bringen wird.

Emmrich dachte lange, er sei sicher. Autos braucht ja jeder. Was sollte ihm passieren, solange er gewissenhaft und fleißig arbeitet? Seit ein paar Jahren hat er allerdings das seltsame Gefühl, dass er der Letzte ist aus seiner Siedlung, der morgens noch zur Arbeit fährt. Dass er es ist, der sich jetzt einen Wettlauf mit der Krise liefert: Wer von beiden ist zuerst im Werk? Emmrich ist sich nicht mehr sicher, ob es Glück ist oder Pech, die Krise noch nicht hinter sich zu haben wie die Nachbarn, teuer abgefundene Stahlarbeiter, Bergleute mit Lohnfortzahlung bis zur Rente. Männer in seinem Alter, die eine andere Krise früher traf, zu guten Konditionen. So gesehen ist die Dunkelheit morgens in den Häusern auch ein Luxus. »Es ist verrückt«, sagt er, »aber ich könnt’ auch sagen: Die haben Glück gehabt.«

Denn nun ist die nächste Krise da. Die Medien berichten von einem Monster, das wächst und wächst. Aus einem abstrakten, fernen Bankenproblem in Amerika ist eine Autokrise in Deutschland geworden, aus einer General-Motors-Krise in Detroit eine Opel-Krise in Wolfgang Emmrichs Leben.

In seinem Auto läuft WDR 2, Emmrich ist in steter Alarmbereitschaft. An diesem Morgen: nichts zu Opel. Die Nachrichten vermelden das neue Konjunkturpaket der Bundesregierung und berichten über den Selbstmord des Unternehmers Adolf Merckle. Seltsam. Die Bundeskanzlerin verschenkt Milliarden. Milliardäre wollen nicht mehr leben. Und bei Opel laufen zum ersten Mal in diesem Jahr die Bänder an. Das backsteinrote Werk, längst Nachrichtenkulisse, liegt weiß bestrahlt im Nebel, unwirklich fast. Wolfgang Emmrich steuert seinen Corsa auf eine riesige Asphaltfläche, gebaut für die Autos von 20.000 Arbeitern. Opel beschäftigt nur noch 6000. Emmrich könnte direkt am Werkstor parken, doch er stellt seinen Wagen noch immer auf denselben entlegenen Platz, auf dem er seit Jahren parkt. Damit wenigstens das bleibt, wie es immer war.

»Was ich echt schlimm finde«, sagt er zum Abschied: »Dass ich mich freue, dass ich bald 53 werde und nicht 33.«

Froh sein über gelebtes Leben, über Jahre, die man sicher hat: Ein ambivalentes Gefühl muss das sein. Es wird nicht der einzige – scheinbare – Widerspruch auf diesem Streifzug durch Bochum bleiben, wo der Leiter des Arbeitsamtes Zahlen verkündet, die nicht zur Stadt zu passen scheinen. In der sich ein Betriebsrat wundert, dass Politiker auf einmal radikaler reden als er. In der die Oberbürgermeisterin gegen die Globalisierung kämpft und sich zugleich in den USA verspekuliert hat. Und in der ein Professor sein Forschungsgebiet – die Geschichte der Arbeiterbewegung – nicht mehr für besonders erforschenswert hält.

Vielleicht kann das gar nicht anders sein in einer Stadt, die sich seit fünfzig Jahren immer wieder neu erfinden muss, die mehr als 50.000 Arbeitsplätze in Stahl- und Bergwerken abbauen half und dafür unter anderem Opel und die größte Universität des Ruhrgebiets bekam – wofür sie sich auf eine seltsam stolze Weise schämt, ganz wie die SPD für ihre Regierungspolitik. Bochum ist ein sehr sozialdemokratisches Gebilde, das nur mit sehr viel staatlichem Willen funktioniert. Damit könnte die Stadt jetzt vielleicht ein Vorbild sein im Kampf gegen die Krise eines entfesselten Marktes, doch sie ist – wie die SPD – viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich aufheitern ließe von der Nachricht, die Luidger Wolterhoff in diesem Augenblick verkündet.

Denn nun betritt ein Schlaks im schwarzen Anzug den Presseraum der Bochumer Agentur für Arbeit. Luidger Wolterhoff, seit fünf Jahren Leiter der Behörde. Er nimmt Platz am Kopf des Tisches, richtet die Papiere, räuspert sich – und blickt in einen leeren Raum, in dem nicht mehr als drei Journalisten sitzen. Er kennt das schon. Wenn Opel Stellen streichen will, steht sofort das Fernsehen vor dem Werk. Wenn er gute Zahlen hat, kommt der Lokalredakteur der WAZ. Es gilt, das Jahr 2008 zu bilanzieren, Wolterhoff nennt es ein »sehr gutes«. Er beschließt es mit 17008 Arbeitslosen, das sind 9,3 Prozent. »Seit August liegt die Quote unter zehn Prozent. Zum ersten Mal seit 25 Jahren.«

Wolterhoff macht eine Kunstpause. Niemand fragt etwas.

»Ein Topergebnis, wenn man in die Nachbarstädte schaut«, sagt er. Essen hat 12 Prozent, Dortmund 13, von Gelsenkirchen nicht zu reden. Sind diese 9,3 Prozent nur eine Schönwetterzahl angesichts der aufkommenden Düsternis? In Bochum sei eine solide Mischung großer und kleiner Unternehmen entstanden, sagt Wolterhoff. 27 Prozent der Beschäftigten arbeiten im produzierenden Gewerbe, 73 Prozent im Dienstleistungssektor. Bochum ist auch die Stadt mit der höchsten Exportquote im Ruhrgebiet, 65 Prozent aller Güter und Leistungen sind für das Ausland bestimmt. Deshalb könnte die Stadt jetzt bestraft werden für ihren Strukturwandel. »In der Tat«, sagt Wolterhoff, »drehen sich die ersten Indikatoren. Die Anträge für Kurzarbeit haben sich verfünffacht. Da sind Firmen dabei, die uns jahrelang nicht kontaktieren mussten. So rasant war noch kein Umschwung.«