Vor 30 Jahren kehrte die Religion ins Zentrum der Weltpolitik zurück, und das war das Werk von zwei Männern: Papst Johannes Paul II. und Ajatollah Chomeini. Am 1. Februar 1979 kam der schiitische Gottesgelehrte Chomeini aus dem Pariser Exil wieder nach Teheran, zerstörte die Reste des zusammenbrechenden Schah-Regimes und schuf die Islamische Republik Iran. Wenige Monate später, im Juni 1979, reiste Johannes Paul II. zum ersten Mal seit seiner Papstwahl im Herbst 1978 in die polnische Heimat und setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die 1989 zum Kollaps des Ostblocks und der Sowjetmacht führen sollte. Ohne die beiden Priester- und Prophetengestalten, die zwei konservativen Revolutionäre, ist die Gegenwart nicht zu verstehen – nicht die Hamas-Islamisten in Gaza und nicht die Präsidentschaft von Georg W. Bush, beide Ausdruck von Glaubens- und Kulturkämpfen. »Gott ist tot« kann man in der Politik nicht mehr sagen – Johannes Paul II. und Chomeini waren es, die ihn auferweckt haben.

Man muss sich die Welt der 1970er Jahre ins Gedächtnis rufen, um den Schock zu begreifen, den der Auftritt des Papstes und des Ajatollahs auslöste. Es gab damals nur Ost und West, ein kapitalistisches und ein sozialistisches Lager; eine dritte, eigenständige Kraft war im Grunde unvorstellbar. Als Chomeini gegen den mit Amerika verbündeten Schah rebellierte, waren die Linken im Westen zunächst angetan, weil sie ihn für eine Art Sozialisten hielten – und als Johannes Paul II. das polnische Parteiregime herausforderte, war er ihnen im Grunde suspekt, weil ein Antikommunist nur rechts sein konnte. Es war eine vollkommen neue, die Fantasie zunächst überfordernde Erfahrung, dass in der Religion eine politische Energie jenseits von Washington und Moskau steckte, ein revolutionäres Potenzial, das sich gegen die herrschenden Mächte nicht im Zeichen des Fortschritts, sondern im Namen der Ewigkeit richtete.

1. Februar 1979: Ayatollah Khomeini (Mitte) kehrt aus dem Exil nach Teheran zurück © AFP/Getty Images

N atürlich waren die beiden himmelweit voneinander entfernt. Johannes Paul II. strebte nicht nach dem Gottesstaat, während Chomeini mit blutigem Ernst zu den Gesetzen und der Gesellschaft des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert zurückwollte. Der Papst war fast ein Pazifist, ein Gegner der Todesstrafe – der Ajatollah ließ die Feinde des islamischen Systems in Scharen hinrichten und trieb die jungen Männer seines Landes im Krieg gegen den Irak als lebende Minenräumgeräte über die Schlachtfelder. Es war wenig Menschliches an ihm zu spüren: Als seine Maschine während der Rückkehr aus dem Exil in den iranischen Luftraum eintrat und ein Begleiter ihn fragte, was er bei der Heimkunft nach einem Vierteljahrhundert empfinde, war Chomeinis Antwort: »Nichts.«

Aber der Papst und der Ajatollah sind die größten, einflussreichsten Charismatiker ihrer Zeit gewesen: Menschenfischer und Massenhypnotiseure. Kein Zufall, dass das Chomeini-Begräbnis 1989 die einzige ähnlich gigantische Totenfeier war, die sich mit der Trauer um Johannes Paul II. im Frühjahr 2005 messen konnte. Chomeini hatte seine ersten Auftritte 1963 und 1964 gehabt, als er in Qom, der heiligen Stadt der iranischen Schiiten, gegen die autoritäre, amerikahörige Herrschaft von Schah Mohammed Reza Pahlevi predigte. Er wurde ins Exil getrieben, entwickelte seine Philosophie eines islamischen Staates, und als das Schah-Regime Ende der 1970er Jahre während einer Wirtschaftskrise ins Schwanken kam, wusste er, was er wollte. Die Regierung war so töricht, ihn in einem Zeitungsartikel bizarrerweise als Säufer, ausländischen Agenten und verkappten Homosexuellen zu verunglimpfen, seine Anhänger gingen auf die Straße, wurden niedergeschossen, beim nächsten Mal war die Demonstration größer geworden: Der Zyklus von Märtyrertum und Massenkundgebung war geboren, der den Ajatollah an die Macht tragen sollte. Neun Millionen Bürger sollen gegen den Schah auf der Straße gewesen sein. Zehn Prozent der Bevölkerung, schätzt man, haben an der iranischen Revolution durch Streiks und Demonstrationen teilgenommen – 1789 in Frankreich waren es zwei Prozent und 1917 in Russland weniger als ein Prozent. Es war wirklich das Volk, das hier aufstand, mit nichts als dem Namen Gottes auf den Lippen, gegen ein bis an die Zähne bewaffnetes Folterregime.

Johannes Paul II. dagegen war eigentlich kein Revolutionär, seine Reise nach Polen 1979 kein Griff nach der Macht. Das Ende des Kommunismus kam nicht sofort, wie der Sturz des Schah, sondern erst zehn Jahre später. Was der Papst in seiner Heimat schuf, mit den gigantischen Messen, in denen sich zugleich jeder Einzelne angesprochen fühlte, war eine neue Gemeinschaft, der er auch eine neue Sprache gab – die Sprache der Menschenwürde und der nationalen Souveränität. »Christus«, predigte der Papst am ersten Tag seiner Polenreise auf dem Warschauer Siegesplatz, »Christus ist ein immer offenes Buch über den Menschen, seine Würde und seine Rechte.« Und die Menge unterbrach ihn mit rhythmischen Rufen: »Wir wollen Gott! Wir wollen Gott in der Familie, wir wollen Gott in den Schulen, wir wollen Gott in den Büchern, wir wollen Gott…«

Mit der Sprache des Humanismus sind die Polen ihren Machthabern entgegengetreten, 1980 durch die Gründung von Lech Wałęsas unabhängiger Gewerkschaft Solidarność, und im Namen dieser Werte hat am Ende des Jahrzehnts ganz Mitteleuropa das Sowjetsystem abgeworfen. Der Papst ist in diesem Prozess nur ein Katalysator gewesen – vielleicht der wichtigste, aber er war nicht Herr über den Ausgang. Am Ende stand kein christliches Europa. Während bei der iranischen Revolution dann doch, wie die Leninsche in Russland, eine Weltanschauung die Macht ergriff, brachte 1989 die Selbstbestimmung der Gesellschaft. Chomeini hat eine Ideologie und eine Staatsform begründet, Johannes Paul II. ist zum Geburtshelfer der Freiheit geworden – und hat viele ihrer Früchte, von der Pornografie bis zum entfesselten Kapitalismus, gehasst und verachtet. Ob es ihn doch manchmal gereut hat, dass seine eigene Kirche im 20. Jahrhundert Demokratie und Pluralismus akzeptiert hatte?