Ich saß mit einem Kollegen, den ich mag, in einem Café in der Oranienburger Straße, und wir redeten, fast zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, über die DDR. Der Kollege war schon in der DDR Journalist. Ich erzählte über ein Buch, in dem ohne Anklageton und geradezu einfühlsam die Lebensläufe von sieben Stasimitarbeitern beschrieben werden. Bei der Lektüre habe ich begriffen, dass ich, als DDR-Bürger möglicherweise, wenn nicht sogar wahrscheinlich, IM oder Stasimitarbeiter gewesen wäre. Ich kann schlecht Nein sagen. Ich bin ehrgeizig und kein Rebell. Ich war lange Zeit irgendwie für den Sozialismus. Alles passt. Der Kollege fragte, mit unterdrückter Schärfe in der Stimme: "Ist der Autor aus dem Westen oder dem Osten?"

Als ich "Westen" sagte, war für ihn der Fall erledigt, das konnte kein gutes Buch sein. Der Kollege sprach darüber, wie kompliziert das Leben in der DDR gewesen sei, dies werde heute alles viel zu sehr vereinfacht. Es müsse auch endlich mal Schluss sein mit dem Stasithema. Ich sagte, dass ich ungefähr das Gleiche als junger Mann von meinen Verwandten gehört habe, die in der Nazizeit dabei waren. Ihr wisst gar nicht, wie das war, ihr habt keine Ahnung, ihr wart nicht dabei. Am allerhäufigsten aber hörte ich den Satz, dass endlich mal Schluss sein muss.

Ich sagte natürlich auch, dass ich die DDR und die Nazis nicht gleichsetze, im Machtbereich der DDR gab es zum Beispiel keine Gaskammern. Trotzdem stand das Gespräch kurz davor, in einen Streit umzukippen, den ich zum letzten Mal mit Anfang zwanzig geführt habe, wir wechselten das Thema.

Ich hatte dieses Argument, dass wir Westler den Alltag in der DDR nicht verstehen oder beurteilen können, schon öfter gehört. Seltsamerweise hört man es immer nur von Leuten, die in der DDR ein angepasstes Leben führten oder Macht ausübten. Leute, die in der DDR im Gefängnis saßen, denen die Kinder weggenommen wurden oder der Beruf verboten oder deren Verwandte ermordet wurden, sagen eigentlich nie, dass man die DDR nur als ehemaliger DDR-Bürger begreifen kann.

Wenn man dort im Gefängnis saß, war die DDR offenbar so unkompliziert und leicht durchschaubar wie ein Glas Wasser. Je weiter man in der gesellschaftlichen Hierarchie nach oben stieg, vom Häftling über den Journalisten bis zum Staatsratsvorsitzenden, desto komplizierter und unverständlicher wurde die DDR offenbar, kein Wunder, dass sie untergegangen ist.

Ein so intelligenter Mensch redet beim Thema DDR so einen Quatsch, dachte ich auf dem Nachhauseweg, wenn der Kollege recht hätte, dann gäbe es so gut wie keine guten Bücher über die Nazizeit. Nur wenige, die damals, ohne direkt Täter zu sein, dabei waren, haben brauchbare, klarsichtige, analytische Texte geschrieben. Das meiste, was etwas taugt, stammt von Außenstehenden, Ausländern, Opfern oder von Nachgeborenen. Um etwas zu durchschauen, braucht man, meistens, Distanz. Über Menschen, die man liebt oder hasst, kann man schöne Texte schreiben, aber nicht unbedingt kluge und wahre.

Dann fiel mir meine Kolumne ein. Habe ich jemals über etwas geschrieben, was mir wirklich unangenehm wäre, über das, was in den toten Winkeln jenseits der Schamgrenze liegt? Nein. Es ist gar nichts furchtbar Schlimmes, insofern als es Schlimmeres gibt, es geht nur niemanden etwas an und ist, nebenbei bemerkt, viel zu kompliziert, es entzieht sich einfachen und schnellen Urteilen. Insofern tragen wir doch alle eine kleine DDR in uns spazieren.