Zeige mir dein Büro, und ich sage dir, wer du bist. Das gilt gerade in der Softwarebranche. Bei Larry Ellison, dem Herrscher von Oracle, fallen die scharfen Kanten und Kontraste auf: Dunkle Designermöbel vor hellen Wänden prägen den Raum – und eine gewisse Schwarz-Weiß-Sicht Ellisons Denken. Das Büro von Marc Benioff, dem Chef von Salesforce.com, ist eher ein Kinderzimmer: eine Sammlung von Lichtsäbeln der Star Wars- Klasse, ein ausgestopfter Bär, ein antikes Surfboard. Benioff hat etwas Spielerisches, was seine Untergebenen oft zum Wahnsinn treibt. Bei Tom Siebel, dem Gründer des gleichnamigen Unternehmens, hingen früher große Ölgemälde von historischen Schlachten. »Kriegerisch« ist ein passendes Adjektiv für seinen Führungsstil.

Der Arbeitsplatz von Léo Apotheker, einem der beiden Vorstandssprecher von SAP, Deutschlands größter Softwareschmiede, ist schlicht – zumindest jener, den er bis vor Kurzem innehatte. Er liegt im feinen 8. Arrondissement in Paris am Boulevard Haussmann. Apothekers Büro erinnert an ein Wartezimmer voll mit Dingen, die nirgendwo sonst richtig hinpassen: Da steht ein Modell des französischen Kampffliegers Rafale, ein Rennwagen aus Legosteinen, an der Wand hängt eingerahmt ein Taktstock.

Die Umgebung des SAP-Managers sagt wenig über die Person und viel über seine Position. Bis April 2007 war Apotheker SAPs oberster Verkäufer, ein digitaler Nomade, der mit zwei Blackberrys (»falls einer ausfällt«) und einem Laptop um die Welt reist, um Kunden zu besuchen. In seinem Pariser Büro ist er nur selten. Und die meisten Objekte in seinem Büro sind Geschenke von zufriedenen Kunden.

Demnächst wird er noch seltener in Paris anzutreffen sein. Hennig Kagermann, der bisher führende Vorstandssprecher, bleibt zwar noch bis zum Ende seines Vertrages im Mai 2009 im Amt. Doch mit Bekanntgabe der Quartalsergebnisse am 28. Januar übernimmt Apotheker die operative Führung. Das ist in dreifacher Hinsicht ein historischer Einschnitt. Zum ersten Mal leitet nun ein Manager SAP, der dort nicht als Entwickler, sondern als Verkäufer groß geworden ist. Zum ersten Mal hat jemand in Walldorf das Sagen, der nicht mehr der Gründergeneration verhaftet ist. Und zum ersten Mal steht ein Kind von Holocaust-Überlebenden an der Spitze eines der wichtigsten deutschen Unternehmen.

Bisher ist Apotheker ein weitgehend Unbekannter, auch für viele SAP-Mitarbeiter. Zwar war es ein offenes Geheimnis, dass er Ambitionen auf den Chefposten hatte. Doch als Kandidat für die Kagermann-Nachfolge galt lange der schillernde Shai Agassi. Erst als der das Unternehmen im Frühjahr 2007 verließ, rückte Apotheker zum Thronfolger auf.

Léo Apotheker nuschelt ein wenig. Seine Stimme hat im Grundton etwas Unbestimmtes, fast Beiläufiges. Bei ihm muss man erst Interesse wecken für den Gegenstand, der gerade verhandelt wird. Wenn das gelingt und er den Faden aufnimmt, wird seine Sprache klarer und konturierter. Und je mehr der Topmanager sich in das Thema hineindenkt, desto engagierter werden Ausdruck und Gestus. Plötzlich steht da einer, der schneidend argumentiert, ironisch wird, der weit vorausdenkt, der manchmal fast schauspielerische Züge bekommt – aber dann auch einer, der glasklar analysieren kann und einen Willen hat, dem er selbst ausgeliefert ist. »Henning ist ein äußerst rationaler Mensch«, sagt Apotheker über seinen Vorgänger, »ich bin etwas emotionaler.« Er sei weniger geduldig, eher ein Vorwärtsgetriebener und Treibender, der immer fürchtet, zu spät zu sein. Das genau bekommen die Mitarbeiter gelegentlich zu spüren.

Apotheker glaubt, die Unterschiede zwischen ihm und seinem Vorgänger seien »kulturell bedingt«. Der Sohn polnischer Juden ist geprägt von einer Welt, in der das Wort Heimat einen eher provisorischen Klang hat. Sein Vater las Mein Kampf und hatte keinen Zweifel, dass Hitler ernst meinte, was er dort über den Kampf gegen die Juden und deren Vernichtung schrieb. Als die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg näher rückten, flüchteten seine Eltern aus dem Grenzgebiet zur Ukraine in Richtung Palästina – doch den erstgeborenen Sohn ließen sie mit den Großeltern zurück. Léo Apothekers Bruder fiel den Nazis ebenso zum Opfer wie seine Großeltern.