Mariette Job ist eine Frau, die sich nie in den Vordergrund drängen würde. Auch jetzt, wo sie seit einem Jahr Interviews gibt, durch die Welt reist mit diesem Tagebuch im Gepäck, das nicht das Ihre ist, will sie nur die Nebenrolle spielen. Sie sei, sagt sie, nichts anderes als ein Fährmann. An Bord ist eine Tote, ihre Tante. Sie nennt sie nur: Hélène.

Es klingt, als wären sie sehr vertraut miteinander gewesen. In Wahrheit gab es lange nur ein großes schwarzes Loch. Von der Schwester ihrer Mutter war nicht viel geblieben: ein Tagebuch, eine Geige und einige Fotos. Auf denen sieht sie ausgesprochen glücklich aus: Hélène Berr, das sieht man sofort, ist kein durchschnittliches Mädchen. 21 Jahre alt ist sie, schön und strahlend und frisch verliebt. Mit ihrem Verlobten Jean Morawiecki ist sie auf einer Wiese zu sehen, bis zu den Knien sind sie in Gräser und Blumen versunken. Sommer 1942. Ihrem Tagebuch vertraut sie an: "Gestern, in Aubergenville, war der schönste Tag meines Lebens. Er verging wie ein Traum."

Der Rest ist ein Albtraum. Denn Hélène Berr, die junge französische Jüdin aus gutem Hause, ist zu klug und zu sensibel, um sich Illusionen zu machen. Sie ahnt zu diesem Zeitpunkt bereits, dass die soziale Stellung ihres Vaters der Familie auf Dauer keinen Schutz bieten wird. Zwei Wochen zuvor, am 15. Juli 1942, notiert sie in ihr Tagebuch: "Etwas ist im Anzug, etwas, das eine Tragödie sein wird, vielleicht die Tragödie." Am nächsten Tag beginnt die große Razzia, bei der 12884 Juden verhaftet werden.

Das Pariser Tagebuch der Hélène Berr ist ein erschütterndes Dokument. Man wird es in Zukunft in einem Atemzug mit dem Tagebuch der Anne Frank nennen müssen: das Zeugnis der Schönheit einer Seele in schwarzer Zeit. Als es im Januar vergangenen Jahres in Frankreich erschien, war es wie ein Donnerschlag aus der Vergangenheit: Historiker sprachen von einem einmaligen Dokument, Patrick Modiano schrieb begeistert das Vorwort, und innerhalb weniger Tage war die erste Auflage verkauft. Kurz nach Irène Némirovsky hatte wieder eine Tote die Bestsellerlisten erobert: 100000 Exemplare hat der Verlag Tallandier verkauft.

Dort, im Büro des Verlegers, empfängt Mariette Job zum Gespräch. Zwischen den Büchern fühlt sie sich wie zu Hause. Sie war selbst Buchhändlerin, bis sie sich ganz dem Projekt ihres Lebens, dem Tagebuch der Tante, widmete. Tatsächlich ist ihr allein die Veröffentlichung dieses einzigartigen Tagebuchs zu verdanken. "Es war", sagt sie schnell und wie selbstverständlich, "eine Frage auf Leben und Tod." Sie hätte ihre Existenz nicht auf diesem dunklen Fleck aufbauen können. Job ist die Jüngste der sechs Neffen und Nichten Berrs, 1950, deutlich nach dem Krieg, geboren. Eine warme Frau ist sie, freundlich und verbindlich, die von ihrer Hartnäckigkeit nichts ahnen lässt. Vielleicht, weil sie, nachdem sie jahrzehntelang ihr Ziel verfolgt hat, sich endlich treiben lässt. Sie ist jetzt viel unterwegs, aber man hat das Gefühl, dass sie endlich angekommen ist.

Als sie in den siebziger Jahren beginnt, die Eltern auszufragen, hat sie Hélènes Alter. Sie bohrt in den Wunden, aber sie geht behutsam vor, sie lässt sich Zeit. 1992 macht sie Hélènes ehemaligen Verlobten, Jean Morawiecki ausfindig. Zwei Jahre später vertraut er ihr das Manuskript des Tagebuchs an, das in der Familie nur als Abschrift kursierte. Weitere 14 Jahre dauert es, bis wirklich alle mit der Veröffentlichung einverstanden sind. "Zu intim, zu schmerzhaft" ist dieses Zeugnis.