Es lebe die Bad Bank! – Seite 1

Seit ein paar Jahren ist in Deutschland das Begriffspaar Good Policeman/Bad Policeman in Mode. Gemeint ist, dass zwei, die gegensätzlich wirken, in Wahrheit zusammengehören und dasselbe wollen.

Good Policeman und Bad Policeman teilen sich die Rollen, um gemeinsam zum Ziel zu kommen – zum Geständnis des Täters. Der Good Policeman stellt Vertrauen zum Verdächtigen her, schenkt ihm Kaffee nach, schleicht sich in sein Herz. Der Bad Policeman hingegen quält den Verdächtigen. Der Good Policeman ist ein Menschenfreund, ganz erfüllt von der Unschuldsvermutung. Der Bad Policeman ist ein Menschenfeind mit mahlendem Kiefer.

In Wahrheit ist der Good Policeman so abgefeimt wie der Bad Policeman; ja, er ist sogar tückischer als jener, weil er sich mehr verstellt. Erst Good Policeman und Bad Policeman gemeinsam, der gute Hirte und der Inquisitor, ergeben "die Polizei".

Vielleicht ist es ganz ähnlich mit der "Bad Bank", von der jetzt alle reden. Die Bad Bank ist ein Institut, über dessen Einrichtung die neue US-Regierung nachdenkt und über dessen Einführung die deutschen Banker glücklich wären. Sie soll auf Staatskosten die "toxischen" und "notleidenden" Wertpapiere und Anleihen schlucken, den fauligen Schrott, der die Weltwirtschaft belastet. Wären demnach alle anderen Banken Good Banks?

Dem Begriff Bad Bank wohnt die Suggestion inne, dass ein solches Institut all das Gift abseiht und einschlürft, das im globalen Geldstrom dahinschwimmt, und dass alles, was nicht der Bad Bank einverleibt wird, demnach Good Money und Good Banking sei. Das ist ein Irrtum: Denn die Bad Bank schluckt leider nur toxische Wertpapiere, nicht aber die toxischen Manager, die für deren Erwerb verantwortlich waren: Die arbeiten in den Good Banks weiter. Und sollten sie nun die Bad Bank im Rücken haben, welche ihnen die Folgen ihres Versagens erließe, könnten sie fahrlässiger handeln als je zuvor.

Dies ist das Haus der Gnade: Hier löst sich Schuld einfach auf

Sollte eine Bad Bank eingerichtet werden, so gingen die Kosten der Fehlspekulationen, fein gesagt, in die Obhut des Staats über, sie wären also das Problem der Bürger. Die guten Banken hingegen könnten ihre Bilanzen bereinigen und hätten, wie es im Jargon heißt, wieder "Spielraum". Ein teureres Spiel wurde nie gespielt. "Mit einer Bad Bank würde man den Banken Tonnen an Steuergeld schenken, vielleicht 700 oder 800 Milliarden Dollar", hat der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff kürzlich gesagt.

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Solche Gedankenspiele haben Folgen für das gesellschaftliche Klima. Denn was lernt der kleine Mann aus ihnen? Dass Gnade eine Sache der Größe ist. Dass ab einer gewissen Größenordnung Schuld und Verantwortung sich einfach auflösen. Dass man Hunderttausende von privaten Haushalten in den Orkus rauschen lassen darf, wenn nur die großen Spieler wieder "Spielraum" haben.

Es liegt zudem nahe, dass allein das Gedankenspiel, eine Bad Bank einzurichten, noch andere Türen in unserem kollektiven Vorstellungsvermögen öffnet. Elias Canetti hat in Masse und Macht mit einer kühnen Gedankenbrücke die Inflation mit der Schoa zusammengebracht, er sagt, dass die Deutschen die Erniedrigung, die ihnen die Inflation zugefügt habe ("Der einzelne fühlt sich entwertet, weil die Million entwertet ist"), ihrerseits den Juden zugefügt hätten: "Man kann die Inflation als einen Hexensabbat der Entwertung bezeichnen, in dem Menschen und Geldeinheit auf das sonderbarste ineinanderfließen."

Wohlgemerkt: Canetti ging vom Schrecken der entwerteten Million aus. Was würde ihm wohl zur aktuellen Situation einfallen, in der Milliarden-, ja Billionenwerte auf einer Art Sondermülldeponie des Weltkapitals verscharrt werden? Auf heutige Verhältnisse gebracht: Wenn unnützes Geld einfach weggesperrt werden kann, was hindert eine Gesellschaft daran, auch ihre unnützen, ihre gleichsam notleidenden und toxischen Menschen auszulagern, wegzusperren, einzufrieren? Die Nutzlosen wohnen in Bad Hotels, die Armen behandelt man in Bad Hospitals, die Alten erleiden ein Bad Aging, die Randständigen verdämmern in Bad Schools, die Illegalen darf man ausfliegen mit Bad Airplanes in Bad Countries.

Die Bad Bank ist der letzte geheime Ort unserer modernen Welt

Im Kulturbereich wird die Badness als Schlüsselmetapher dienen. Die "Bad"-Bewegung wird das Niveau steil in die Binsen jagen, "Bad" wird das Kennwort einer konsequenten Tieferlegung der Standards sein. Für schlechte Schauspieler wird es das Bad Theatre geben; die Bad People der Unterschicht können sich auf noch mehr Bad TV freuen. Bad Sport wird die Massen unterhalten. Die katholische Kirche macht alle Anstalten, sich unter der Herrschaft eines Bad Pope oder Bad Shepherd in eine Bad Church zu verwandeln. Mittelfristig immer größer wird wohl die Zahl der Bad Areas in deutschen Städten werden, in denen das Bad Luck und die Bad Vibes zu Hause sind. All dies sind Übel, auf welche uns die notorisch vitale Bad Newspaper unseres Landes, die Bild- Zeitung, schwarz wie die Nacht und rot wie die Hölle, seit Langem einstimmt.

Und so könnte sich die Bad Bank ganz allmählich als die Universalmetapher des 21. Jahrhunderts herausstellen.

Nehmen wir an, die Bad Bank würde Wirklichkeit werden und sollte sogar einen festen Standort bekommen – wie müssten wir uns ihr Gebäude vorstellen? Muss sie nicht einem Edgar Allan Poeschen House of Usher gleichen, welches planmäßig im Sumpf versinkt, auf dem es errichtet wurde? Ihr Logo könnte das Schwarze Quadrat von Malewitsch sein, das ikonografische Gemälde der Moderne, und ihr Eingang sollte den Victory-Fingern von Josef Ackermann nachgebildet werden.

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Die Amerikaner sind der Einrichtung einer Bad Bank näher als die Deutschen. Wo also könnte sie stehen? Ein idealer Ort wäre jener Landstrich nahe Los Angeles, der Inland Empire heißt (David Lynch hat einen Film so genannt): ein reiches Gebiet, das sich vom Glanz von Los Angeles genährt hatte. Nach dem Bankencrash ist das Inland Empire förmlich zusammengebrochen, zeitweise haben 700 Familien pro Tag ihr Haus verloren, viele flohen und nahmen nur mit, was in ihren Kombi passte. Das Inland Empire zerfiel über Nacht, und in den Swimmingpools gedeihen die Moskitos.

Nun ziehen sogenannte Trash-up-Trupps von Grundstück zu Grundstück und tun das Nötigste. Sie lassen die Pools ab, machen die Häuser besenrein; nagelneue Computer, Großbildschirme, Küchen werden abtransportiert und auf die Müllkippen geworfen. Und ein Mann geht mit Sprühfarbe durch die Gärten und färbt den braunen vertrockneten Rasen grün, das ist kein Witz. "You know you’re in trouble when the lawns are brown and the pools are green!" , lautet ein Spruch im Inland Empire: Ist dein Pool grün und dein Rasen braun, so ist dein Niedergang besiegelt. Trash-up: Wir stellen uns die Bad Bank als einen Ort vor, der möbliert ist mit dem edlen Trash aus Inland Empire. (Allerdings deutet das neue Mondflugprogramm der amerikanischen Regierung in eine andere Richtung: In einigen Jahren sollen wieder Menschen auf dem Mond wandeln, und womöglich müssen wir uns dort den symbolischen Sitz der amerikanischen Bad Bank vorstellen; das würde auch erklären, warum der Mond im Volksmund Bad Moon genannt wird.)

Der Begriff Bad Bank lässt eine mythische Dimension anklingen: dass nämlich eine solche Bank einen Niedergang durchgemacht hat, eine unverschuldete Verfinsterung – so wie der wackere Anakin Skywalker in der Star Wars- Mythologie, der sich als Folge blutiger Schicksalsschläge in den dämonischen Bösewicht Darth Vader verwandelt. Der Begriff Bad Bank unterschlägt also die gehörige Badness, die schon im "guten" Bankgeschäft wirksam ist – den Expansionszwang, das Eigennützige des Geldhandels, die dauernde Flucht nach vorn.

Was im Großen eine Wirtschaftsordnung tut, das wird im Kleinen zum Lebensstil. Amerika hat lange Zeit im seelischen Zustand der pre-richness, des Vorreichtums, der geistigen Flucht nach vorn gelebt. Relativ arme Menschen haben ihren Alltag in der wärmenden Gewissheit überstanden, demnächst sehr reich zu sein – einfach deshalb, weil die Medien voll von Leuten sind, denen Amerika dieses Versprechen erfüllt hat. Pre-richness bedeutet: Man kauft sich jetzt schon das Auto, das man sich in fünf Jahren gewiss wird leisten können. Man bezieht jetzt schon das Haus, das einem in 25 Jahren zustehen wird.

Jetzt bricht die Kultur der pre-richness zusammen. Wir erkennen: Am Ende ist jeder Mensch ein wandelnder Bad Banker, ein Hüter und Verberger seines toxischen Ehrgeizes.

Auch der Glaube an die guten Kräfte der Globalisierung ist erschöpft. Die Werbung hatte Globalisierung stets als Verheißung des Allzusammenhangs inszeniert, als sanfte Großorgie der Wertsteigerung. Eine erotische Annäherung aller an alle, die Verführung der Welt durch Kaufkraft, Markenqualität, Sicherheit. Jetzt ist die Vision dahin, Globalisierung könne nach der Maxime "Alles wird verbunden" funktionieren. Die neue Losung lautet: Alles geht gemeinsam unter. Wenn du nicht aufpasst, schluckt dich die Bad Bank.

Bislang war die Rückversicherungsgesellschaft die große metaphysische Instanz des Geldgewerbes: ein Netz, gespannt unter uns allen, dazu da, die stürzende Welt von unten zu halten. Nun gibt es noch eine Instanz, die als Anspielung an die Welt des Glaubens zu verstehen ist: die Bad Bank. Ist sie nicht die Hölle des Kapitals, das Fegefeuer der Wertpapiere? Vielleicht aber ist die Bad Bank auch, wie der britische Premier Gordon Brown in anderem Zusammenhang zum Entsetzen seiner Partei sagte, das Vorzeichen einer neuen Weltordnung? Denn üblicherweise stellt man sich das Geldsystem als eine unablässige Bewegung vor, ein flinkes Schuldenumhäufen. Geld ist dauernd auf der Flucht, und im Entschlüpfen vermehrt es sich. In der Bad Bank kommt es nun zur Ruhe. Zur Schreckstarre.

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Wieder einmal müssen wir zum Schluss Robert Musil bemühen, speziell das unauslotbare 106. Kapitel seines Romans Der Mann ohne Eigenschaften , worin er seinen Unterhelden Paul Arnheim, einen schöngeistigen Industriellen und Politiker, über den Sinn des Geldes nachdenken lässt: "Es erging Arnheim nicht anders wie seinem ganzen Zeitalter. Dieses betet das Geld, die Ordnung, das Wissen, Rechnen, Messen und Wägen, alles in allem also den Geist des Geldes und seiner Verwandten an und beklagt das zugleich…" Kurzum: Dieses tief zerrissene Zeitalter werde, während es besinnungslos rechne und hämmere, "eine innere Mahnung zur Umkehr nicht los".

Die Geldkultur leidet unter dem Gefühl, falsch, unwahr, kalt, berechnend zu leben, genauer: zu rechnen anstatt zu leben. Also, sagt Musil, halte die kapitalistische Gesellschaft sich "Ablasszettelexistenzen, literarische Bußprediger", welche uns zur Umkehr aufrufen, uns trösten und unserer Angst einen Ausdruck geben. "Und nicht viel anderes als die gleiche Art moralischen Lösegelds", so fährt Musil fort, "bedeuten auch die Phrasen und Geldmittel, die der Staat alljährlich in Kultureinrichtungen versenkt, die keinen Boden haben."

Das ist schlagend. Im Licht dieses Satzes erscheint die Bad Bank als eine gewaltige Kultureinrichtung. Sie hat keinen Boden, und wir werden Milliarden in ihr versenken. Sie ist der Weltsyphon, das Mahnmal unserer Gier. In einer Welt, in der alles an die Oberfläche drängt und sich den Satellitenaugen von Google Earth darbietet, ist die Bad Bank der letzte geheime Ort, eine unterirdische Kathedrale des enttäuschten Glaubens.

Wenn künftige Kulturen einmal unsere Ruinen erforschen und die Tiefe unserer Ideen ermessen, was wird sie wohl am meisten beeindrucken? Die Musik Bachs, die Dramatik Shakespeares? Die Pyramiden? Oder nicht doch das Riesengebirge unserer Schulden? Und, vor allem anderen, die Bad Bank: ein Abgrund, von Menschen gemacht, ein Niagarafall aus Papier. Gibt es einen überzeugenderen Beweis für die menschliche Größe?

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