Können Bienen eigentlich rechnen?" Die Frage kam von einem Biochemiker, der gerade neu zur Würzburger Gruppe der Bienenforscher gestoßen war. Jürgen Tautz, der die Gruppe leitet, erinnert sich noch gut an seinen ersten Gedanken: "Nett, aber naiv." Bei wirbellosen Tieren einen Sinn für Zahlen zu finden, das habe er für ausgeschlossen gehalten, sagt Tautz. Einige junge Mitarbeiter gingen der Frage trotzdem nach. Jetzt, zwei Jahre später, steht das Ergebnis fest: Bienen können zählen. Und zwar bis vier. "Wir haben mit der Publikation lange gewartet, weil wir es selbst nicht glauben konnten", sagt Tautz.

Der Versuch, den die Würzburger Forscher in Deutschland und Australien durchführten, ist relativ simpel aufgebaut: Um an ihr Futter zu gelangen, muss eine Biene sich entscheiden, durch welche von zwei Plastikröhren sie fliegt. In der einfachsten Schwierigkeitsstufe steht am Eingang der einen Röhre ein Schild, auf dem ein Objekt abgebildet ist; am Eingang der anderen Röhre befindet sich eines mit zwei Objekten. Stellten die Forscher das Futter nun immer wieder hinter den Plastiktunnel, der mit zwei Objekten gekennzeichnet war, lernten die Bienen schnell, diesen Weg auszusuchen.

Um ausschließen zu können, dass die Tiere sich nur das grobe Muster auf den Schildern merken, variierten die Wissenschaftler Art und Größe der Objekte. Unabhängig davon flogen die Bienen aber hartnäckig die Röhre mit den zwei Objekten an. Auch der nächste und übernächste Schwierigkeitsgrad fiel den Insekten leicht: Bis zu vier Objekte erfassten sie mühelos. Erst als eine Röhre mit fünf Symbolen gekennzeichnet war, verloren sie den Überblick.

Bienen sind nicht die ersten Tiere, die im Experiment einen Sinn für Zahlen zeigen. Verhaltensbiologen haben schon bei vielen anderen Arten die gleiche Fähigkeit nachgewiesen. In den meisten dieser Versuche war es verlockende Nahrung, mit der Wissenschaftler die Tiere zu mentalen Höchstleistungen anspornten. Während Feuersalamander bereits bei drei Objekten an ihre Grenzen stoßen, kommen die meisten anderen Tiere genauso weit wie die Honigbienen: bis vier.

Neuseeländische Vögel etwa wählten aus zwei mit Würmern gefüllten Astlöchern zuverlässig das aus, in dem sie mehr Futter erwartete jedenfalls so lange, bis in einem davon fünf oder mehr Würmer lagen. Danach kamen die Langbeinschnäpper nicht mehr über Zufallstreffer hinaus.

Aufsehen erregte vor fünf Jahren auch ein Delfin im Tiergarten Nürnberg, der von zwei bemalten Tafeln die anzeigte, auf der weniger Objekte abgebildet waren. Elefanten können nach den Ergebnissen japanischer Wissenschaftler sogar addieren: Warfen die Biologen vor den Augen der Tiere in einen Korb drei und danach noch einmal vier Äpfel, entschieden sich die Elefanten lieber für diesen Korb als für einen anderen, in dem erst einer und dann fünf Äpfel verschwunden waren. Weniger überraschend sind die mathematischen Fähigkeiten von Affen, die wesentlich näher mit dem Menschen verwandt sind.