Der Aderlass war von der Antike bis in die Neuzeit ein medizinisches Standardverfahren gegen alle möglichen Krankheiten. Gemäß der Vorstellung, dass im Körper ein ausgeglichenes Verhältnis der "vier Säfte" herrschen musste, wurden den Patienten mitunter große Mengen an Blut abgezapft, um den Haushalt wieder ins Lot zu bringen. Eine andere Vorstellung war, dass man über das Blut alle möglichen Giftstoffe aus dem Körper "ausleiten" könnte. Vor allem die Mystikerin Hildegard von Bingen pries den Aderlass als Allheilmittel. Bei abnehmendem Mond solle man dem Patienten "fauliges und zersetztes Blut" abzapfen – eine ähnliche Vorstellung wie die von den "Schlacken", von denen in der modernen Naturheilkunde die Rede ist. Die Unsitte steigerte sich zu einem regelrechten Vampirismus, durch den viele Patienten erst richtig krank wurden und auch starben; so vermutet man, dass ein extensiver Aderlass den ersten amerikanischen Präsidenten George Washington ins Grab gebracht hat.

Nachdem man mehr über den Blutkreislauf des Menschen aus Erfahrung gelernt hatte, wurde der Aderlass zu Recht aus dem Repertoire der Medizin verbannt. Seit einigen Jahren erfährt die Methode jedoch eine Renaissance unter Naturheilern, vor allem unter Berufung auf die heilige Hildegard. Zum Glück sind die Mengen, die man heute den Menschen prophylaktisch abzapft, nicht mehr lebensbedrohlich.

Die wissenschaftliche Medizin hält von dieser "Blutreinigung" wenig. Sie kennt einige seltene Krankheiten, bei denen eine Blutentnahme Teil der Therapie sein kann, zum Beispiel die Polycythaemia vera, bei der sich die Blutzellen übermäßig vermehren – davon sind in Deutschland vielleicht gerade einmal 1000 Menschen betroffen. Oder die Hämochromatose, bei der der Körper zu viel Eisen aufnimmt. Auch wenn der Hämatokritwert zu groß ist, also das Blut zu dickflüssig ist, kann ein Aderlass kurzfristig den Wert korrigieren. Eine solche Maßnahme behandelt aber immer nur ein Symptom, nicht die Ursache der Krankheit. Christoph Drösser

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