Seit es den Gesundheitsfonds der Großen Koalition gibt, funktioniert das Gesundheitswesen nach einem biblischen Prinzip: Die Ersten werden die Letzten sein – der Satz aus dem Matthäus-Evangelium gilt jetzt für die Krankenkassen. Die Verlierer von gestern sind die Gewinner von heute. Bisher kamen kleine Kassen mit vielen jungen, einkommenstarken Versicherten am besten zurecht. Im neuen System aber ist es anders herum. Ein neuer Finanzausgleich zwischen den Kassen verschafft vielen Versicherungen mit besonders kranken Mitgliedern ungewohnte Vorteile.

So kommt es, dass etwa die Knappschaft Bochum, eine ehemalige Bergbau-Kasse, sich vorgenommen hat, sich in diesem Jahr besonders beliebt zu machen: 2009 will sie ihren Mitgliedern einen Teil der Beiträge rückerstatten. Viele andere gesetzliche Kassen werden stattdessen Zusatzbeiträge erheben müssen. Alles politisch gewollt. "Der Fonds macht Schluss mit der Ungerechtigkeit, dass eine Rentnerin in Bayern tiefer in die Tasche greifen muss als eine junge und gesunde Versicherte in einer virtuellen Kasse in Schleswig-Holstein", sagt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. "Und er sorgt dafür, dass mehr Geld dorthin fließt, wo viele Kranke zu behandeln sind."

Die Bürger müsste all das nicht weiter interessieren, hätten nicht einige Kassen begonnen, bei den Diagnosen ihrer Ärzte nachzubessern. Weil es für 80 Krankheiten Geld aus dem Gesundheitsfonds gibt, haben die Kassen ein Interesse daran, dass diese Diagnosen häufig gestellt werden. Die AOK Niedersachsen zahlte den Ärzten 10 Euro für das "rightcoding", die Überprüfung bereits gestellter Diagnosen. Der Bayerische Hausärzteverband forderte seine Mitglieder gar auf, die 80 lukrativen Krankheiten bei der Erstellung von Diagnosen im Blick zu haben.

Ist das nun die erste große Macke des ohnehin fragwürdigen neuen Fonds? Hat die Gesundheitsreform im Praxistest versagt? Zweimal nein. Dass der Finanzausgleich der Kassen vom Krankenstand abhängt, ist vernünftig. Dass einige Ärzte und möglicherweise auch Kassen diesen nun manipulieren, ist ein Verstoß gegen das Recht und muss geahndet werden. Man kann Ulla Schmidt viel vorwerfen, aber nicht, dass sie Gesetze macht, die geldgierige Ärzte nicht einhalten. Trotzdem ist der Plan der Regierung richtig, den Finanzausgleich so nachzubessern, dass Manipulationen schwerer werden. Es wird nicht die letzte Korrektur der Großreform bleiben.