Ein Mann, ein Buch

Wie nicht anders zu erwarten war, ist Markus Somms Biografie über Christoph Blocher zu einem Hochamt für den ehemaligen Bundesrat geraten. Der 523-seitige Wälzer des Inland-Chefs der Weltwoche ist aber nicht nur ärgerlich, sondern oft lehrreich. Richtigerweise sucht Somm die Haupterklärung für den spektakulären Aufstieg des "konservativen Revolutionärs" nicht an der Oberfläche, bei dessen finanziellen Mitteln oder in dessen fragwürdigen Methoden. Er sucht sie in den Tiefenschichten der Schweizer Geschichte und in der konservativen Wende in den USA. Das Erste dürfte dem Porträtierten besser gefallen als das Zweite. Auch weil die "konservative Revolution" in der früheren sister republic vor einem Scherbenhaufen steht.

Für Blochers Durchmarsch nach dem Kalten Krieg findet Somm eine einfache Erklärung. Der Pfarrerssohn hielt an den "Maximen" des Sonderfalls fest, die auch für FDP und CVP gegolten hatten. Zu ihnen gehörten eine niedrige Staatsquote, eine Hochschätzung des Unternehmertums, die "immerwährende bewaffnete Neutralität", eine "überragende politische und gesellschaftliche Bedeutung" des "Militärischen" sowie die Überzeugung, den Zweiten Weltkrieg nicht nur unversehrt, sondern – abgesehen von ein paar "Verfehlungen" – auch unschuldig überstanden zu haben. Als Nationalrat, Oberst, Unternehmer, so ein Zwischentitel, war Blocher in "dieser alten Schweiz" bestens verankert.

Mit dem Wegfall der für die Schweiz höchst vorteilhaften Blockkonfrontation, im Zeichen von innenpolitischen Erschütterungen wie der Fichenaffäre und unter dem Menetekel "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" ergriffen die christdemokratischen und freisinnigen Führungen sowie eine knappe Mehrheit der Landesregierung 1992 die Flucht nach vorn. Beitritt zuerst zum EWR und dann zur Europäischen Gemeinschaft, lautete die neue Ausrichtung. Nur drei Jahre zuvor "hatte die Schweiz als einziges Land Europas mit einer Feier des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs gedacht". Somm kommentiert die "Übung Diamant", eine nationalegoistische Stillosigkeit sondergleichen, mit der zwar ethikfreien, aber richtigen Bemerkung: "Es war eine Hommage an den Sonderfall."

Aufgrund des abrupten Kurswechsels fielen nach dem knappen Nein zum EWR-Beitritt die rechten Flügel der bisherigen Mehrheitsparteien FDP und CVP wie reife Früchte vor die Füße des gelernten Bauern. Die politische Ernte wurde später noch reicher, als Banken und Behörden mit einer Zahlung an einen Entschädigungsfonds für bedürftige Shoa-Opfer jene Mitverantwortung an den Naziverbrechen eingestanden, die sie jahrzehntelang geleugnet hatten. Somm wirft der FDP und CVP vor, während der Nazigolddebatte der Linken erlaubt zu haben, "eine bürgerliche Erfolgsgeschichte" in eine "Moritat des Versagens" umzudeuten.

Blocher, der im "Kampf um die Geschichte" das verteidigte, was bislang als offizielle Lehre gegolten hatte, wurde wiederholt unterstellt, mehr oder weniger gezielt judenfeindliche Vorurteile abgerufen zu haben. Diesem schwerwiegenden Vorwurf geht Somm nur halbherzig nach. So erwähnt er die in der "Jubiläums-Proklamation" der Zürcher SVP zu ihrem 80. Geburtstag vom September 1997, also mitten in der Nazigolddebatte veröffentlichte Polemik gegen den "goldenen Internationalismus" mit keinem Wort. Aber an anderer Stelle übersetzt er die frühere "Frontstellung" der SVP gegen die "goldene Internationale" als eine gegen den "Kapitalismus". Dabei sollte einem Historiker bekannt sein, dass "goldene Internationale" ein auch von den Nazis benutztes Codewort für "jüdisches Finanzkapital" ist. Auch zu Blochers zweifelhafter Rolle als Präsident der Arbeitsgruppe Schweiz-Südafrika in den Zeiten der Apartheid findet sich kein kritisches Wort.

Blocher hat den Sonderfall Schweiz um eine Generation verlängert

Dass Somm Blocher attestiert, "den Sonderfall um mindestens eine Generation verlängert" zu haben, lässt sich gut nachvollziehen. Wenn Blochers Persönlichkeit und Rolle trotzdem grotesk überhöht erscheinen, dann liegt das an Somms Konstruktion der Schweizer Geschichte: Nach der verlorenen Schlacht von Marignano im Jahre 1515 lebte die Schweiz "als neutraler Eigenbrötler" ganz gut, bis ihre Elite von einem Jahr aufs andere "die alte Schweiz zur Disposition stellte". In diesem historischen "Ausnahmezustand" soll der "Ausnahmepolitiker" Blocher "den Sonderfall wiederhergestellt" haben. Blocher mag ein "politisches Jahrhunderttalent" sein. Aber für die Geschichte dieses Landes dürften die Radikalen von 1848 wegweisender gewesen sein.

Ein Mann, ein Buch

Somm ist beizupflichten, wenn er den Durchmarsch des Protestanten Blocher in den katholischen Stammlanden von den frühen 1990er Jahren an damit erklärt, dass die "überkommenen Einstellungen in den ehemaligen Gebieten des Sonderbundes" mit denen der SVP übereinstimmten. Ebenso richtig liegt der Autor, wenn er seinen "konservativen Revolutionär" in eine protestantische Traditionslinie mit Jeremias Gotthelf, der Gegenfigur zum radikalen Gottfried Keller, und mit Ulrich Dürrenmatt, dem bernischen Blocher des späten 19. Jahrhunderts (und Großvater des Dramatikers), einbettet. Aber wenn zusätzlich deren Hauptfeinde, die Freisinnigen, zu Vorgängern Blochers gemacht werden, geht die Aussagekraft historischer Kontinuitäten verloren. Weiter ist es fragwürdig, die nationalkonservative Definition von "Sonderfall" als die einzig gültige hinzustellen. Ist die Mehrsprachigkeit nicht mindestens so wichtig wie eine Unabhängigkeit, die immer relativer wird?

Vor allem aber problematisiert Somm überhaupt nicht, dass die Landsgemeindetradition, aus der das Referendums- und Initiativrecht tatsächlich "zum Teil" stammen, das konservative Demokratieverständnis in der Deutschschweiz in einem vormodernen und antiliberalen Sinne prägt. In der alteidgenössischen Landsgemeinde war Demokratie nicht ein Menschenrecht, sondern das vererbbare Privileg eines besonderen Kollektivs, dessen Freiheit darin bestand, dasselbe anderen zu verweigern. So bekämpften die Rechten zuerst als Kantonalkonservative die Gleichberechtigung der andersgläubigen Christen, nach 1848 als Nationalkonservative die der Juden, später die der Frauen und immer die der Zugewanderten. Weil das Demokratieverständnis der Romandie stärker geprägt ist durch die französisch-republikanische Verknüpfung von Bürger- und Menschenrecht, kann Somm mit ihr nur wenig anfangen. Seine Schweiz ist die Deutschschweiz.

Zur Institution der Landsgemeinde gehört der charismatische Kopf. Nach Somm ähnelt "Blochers Führung" dem "Idealtypus der charismatischen Herrschaft". Wie gut passt aber diese zu einem republikanischen Sonderfall? Was für Folgen hat die Entzauberung Blochers durch seine Abwahl auf das interne Funktionieren der Partei? Antworten auf solche Fragen sucht man vergeblich.

Hauptschwäche des Buchs ist die Gleichsetzung von USA und Schweiz

In einer unterschiedlichen Demokratietradition liegt die Hauptschwäche von Somms Parallelführung der "konservativen Revolution" in den USA mit der in der Schweiz. Der amerikanische Konservativismus ist umfassend individualistisch, der schweizerische ist es nur in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die stärkste Gemeinsamkeit der beiden Konservativismen war der Glaube an das "Evangelium des freien Marktes". Aber weder Blocher noch seine SVP leisteten Widerstand gegen den Hochverrat an der "konservativen Revolution" – als der Bund 68 Milliarden zur Rettung der UBS beschaffen musste. Diese Kapitulation ist mindestens so bedeutend wie die Abwahl aus dem Bundesrat oder die klare Abstimmungsniederlage am letzten Sonntag.

Diese Umkehr der Werte trifft Blocher umso stärker, als er mit dem Finanzspekulanten Martin Ebner in der SBG erfolglos für jenen Kurs gekämpft hatte, den Marcel Ospel später in der Nachfolgebank UBS durchsetzte – mit den bekannten Folgen. Zudem erweisen sich die Steuerprivilegien und das Bankgeheimnis, zwei "Maximen" der "konservativen Revolution", immer mehr als Hypothek für die Exportwirtschaft und als außenpolitische Falle.

Blocher wird weiterhin eine politische Rolle spielen, aber bloß noch als nationalkonservativer Postrevolutionär. Markus Somms Biografie ist auch deshalb ein Geschichtsbuch.

Ein Mann, ein Buch

Josef Lang ist Historiker und Nationalrat der Grünen

Markus Somm: Christoph Blocher Der konservative Revolutionär; Appenzeller Verlag, Herisau; 523 S., 48 sFr.