Am Montag, dem 1. Dezember 2008, stellt er zum ersten Mal die unerhörte Frage. Kurz vor Feierabend sitzt er mit Jan Bielinski zusammen, Sprecher der größten Schweizer Privatbank und einer seiner engsten Mitarbeiter. Man genießt eine Zigarre, schweigt, kommt zur Ruhe, während der Flachbildschirm an der Wand weiterflimmert; mit ausgeschaltetem Ton überträgt er die katastrophalen Nachrichten aus der Hochfinanz. In diese Stille fragt Alex Widmer aus seinem Sessel heraus: »Jan, was habe ich falsch gemacht?«

Bielinski ist überrascht, weil er solch selbstkritische Worte, so viel fundamentalen Selbstzweifel, von seinem Chef noch nie gehört hat. Widmer ist immer ein unbedingter Optimist, ein Macher gewesen, vom Glauben beseelt, der Mensch sei seines Erfolgs eigener Schmied. Wer versagt, ist selbst schuld.

Aber schon in den Monaten zuvor hatten manche Leute in der Bank Julius Bär bemerkt, dass ihr Vorgesetzter ruhiger war als sonst. Es gab Meetings, da sagte er kaum ein Wort. Das fiel auf bei einem, der ganze Teams in Euphorie versetzen konnte, der die Überzeugung des grenzenlosen Wachstums vorlebte wie kein anderer und eine Schaffenskraft an den Tag legte, die ihresgleichen suchte. An diesem 1. Dezember nimmt Bielinski seinen ganzen Mut zusammen und sagt: »Alex, du gefällst mir gar nicht.«

Es braucht einiges für eine solche Äußerung, denn in der Bank und insbesondere in der Chefetage spricht man nicht über persönliche Befindlichkeiten. Was zählt, sind Leistung und Erfolg. Nun aber insistiert Bielinski, zum ersten Mal: »Alex, du weißt, es gibt auch Medikamente.« Widmer aber biegt das Gespräch sofort ins Ungefähre ab. Sein Gegenüber kann nicht wissen, dass er seit einer Woche Antidepressiva nimmt.

Zwei Tage später, am 3. Dezember, hält die Julius-Bär-Gruppe um 14 Uhr die letzte Verwaltungsratssitzung des Jahres ab. Was sich in den zwei Monaten zuvor abgezeichnet hat, wird nun Gewissheit. Die Expansionsstrategie des Instituts, für die man Alex Widmer drei Jahre zuvor geholt und die er mit der ihm eigenen, bisweilen fast aggressiven Beharrlichkeit verfolgt hatte, wird gestoppt. Die Bank ist vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die selbst mächtigste Firmen wie Merrill Lynch oder die Schweizer UBS an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat, nicht länger bereit, so hohe Investitionen für weitere Filialeröffnungen in der ganzen Welt zu tragen. Nun sind Bescheidenheit und Maßhalten angesagt. Alex Widmer schweigt fast ausnahmslos in jener Sitzung. Wochen später wird Raymond J. Bär, Verwaltungsratspräsident des Bankhauses, sagen: »Alex hatte wohl unterbewusst erkannt, dass seine Skills in Zukunft weniger gefragt sein würden.«

Die Sitzung ist um 16 Uhr zu Ende, zwei Stunden früher als geplant. In seinem Büro bespricht sich Widmer ein letztes Mal mit dem Amerikaner David Solo, dem Co-CEO der Bank, der 9 Jahre jünger ist. Vom Naturell her könnten die beiden nicht gegensätzlicher sein. Da Widmer, ein rastloser Lebemann, ein eitler bisweilen auch, dem man diese Charaktereigenschaft aber nachsieht, weil er offen und ehrlich wirkt – gewinnend zumeist. Dort Solo, der nüchterne Analytiker, nach außen absolut emotionslos, ein Mensch, der gut in die Welt der Finanzen passt, indem er traumwandlerisch komplexe Zusammenhänge rasch erfasst.

Nach dem Gespräch verlässt Widmer sein Büro, etwas unordentlich, so, als ob er nochmals zurückkehren würde. Daran erinnert sich Raymond J. Bär später. Er wollte mit Widmer sprechen; nach der Verwaltungsratssitzung ging es ihm ebenfalls nicht sonderlich gut. Doch Widmer war schon weg. Zu jenem Zeitpunkt ist Alex Widmer in sein Haus im aargauischen Städtchen Baden gefahren. Hier sind seine drei Kinder aufgewachsen, hier hat er mit seiner Frau Vera gelebt, bevor sie im März 2006 an Krebs starb. Er schreibt vier Abschiedsbriefe. Dann erhängt er sich im Wohnzimmer. Damit man später die Tür nicht aufbrechen muss, lässt er den Schlüssel außen stecken.