DIE ZEIT:Ein junger Palästinenser, von israelischen Soldaten im Gaza-Streifen angeschossen, verblutet in den Armen seines Vaters. Die Sanitäter, obwohl ganz in der Nähe, dürfen nicht eingreifen. Unglück oder Kriegsverbrechen?

Bardo Fassbender: Jede Kriegspartei hat die Pflicht, allen Verwundeten und Kranken so schnell und umfassend wie möglich medizinisch zu helfen, sowohl Kombattanten als auch Zivilisten. Diese Pflicht wäre im beschriebenen Fall von Israel verletzt worden. Nicht jede Verletzung einer kriegsvölkerrechtlichen Pflicht ist aber ein Kriegsverbrechen.

ZEIT: Was versteht das Völkerrecht dann unter einem Kriegsverbrechen?

Fassbender: Ein Kriegsverbrechen ist eine besonders schwere Verletzung des humanitären Völkerrechts. Es geht dabei um die Verantwortlichkeit von Individuen, nicht von Staaten. Das Statut des Internationalen Strafgerichtshofes von 1998 enthält einen Katalog von Kriegsverbrechen: zum Beispiel die vorsätzliche Tötung von Zivilisten, Folter, unmenschliche Behandlung.

ZEIT: Angenommen, eine Militäraktion lässt sich als Kriegsverbrechen einstufen: Was folgt daraus?

Fassbender: Die vier Genfer Rotkreuzabkommen verpflichten alle Vertragsparteien, Kriegsverbrechen in ihrem nationalen Recht strafbar zu machen und Beschuldigte vor Gericht zu stellen. Nach dem Universalitätsprinzip sind alle Staaten zur Verfolgung von Kriegsverbrechen befugt. Ein Staat, der einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher in Gewahrsam hat, muss ihn entweder selbst vor Gericht stellen oder an einen Staat ausliefern, der dazu bereit ist.

ZEIT: Könnte ein etwaiges israelisches Kriegsverbrechen in Gaza vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebracht werden?