Es war wie ein Wirtschaftsmärchen, das sogar nüchterne Analysten poetisch werden ließ: Als "Regenbogen im Sturm" wurde Russland noch im April vergangenen Jahres auf dem Londoner Wirtschaftsforum gepriesen. Doch der Boom, der dem Land sein Selbstbewusstsein wiedergab, führte erst zu Hochmut und Arroganz – und jetzt zum Fall. "Die Glamour-Periode ist vorbei", sagte Vizepremier Igor Schuwalow vergangene Woche auf einer Investorenkonferenz in Moskau.

Vertagt sind die Blütenträume, eines der Weltfinanzzentren zu werden. Vergessen ist Wladimir Putins ehrgeiziges Ziel, das Bruttoinlandsprodukt bis 2013 zu verdoppeln. Als Präsident versprach Putin noch die allumfassende Konkurrenzfähigkeit bei Waren, Dienstleistungen und Technologien – und beschwor die Kraft der "Privatinitiative". Heute wächst die Nervosität.

"Russlands Wirtschaft", resümiert das Institut für Moderne Entwicklung (Insor) in Moskau (Insor), "erlebt offensichtlich ihre erste Marktkrise." Putins Vize und Hauptkrisenmanager Igor Schuwalow fuhr einen Fragesteller zum möglichen weiteren Rubelverfall gegenüber dem Dollar grob an: "Man sagt viel, auch dass man Hühner melken kann." Und der Sprecher des Chabarowsker Regionalparlaments wurde von seiner Partei Einiges Russland, der Putin-Partei, aus dem Amt gedrängt, weil er in einem Brief an den Premierminister die Erhöhung der Energietarife kritisiert hatte.

Weil sie um die Loyalität des Volkes fürchtet, ist in Moskaus Führung Einheit gefragt. "Es gab in Russland einen Pakt zwischen den Menschen und der Regierung", sagt Michail Deljagin, Direktor des Instituts für Globalisierungsfragen. "Die Gesellschaft hat gesagt: Ihr könnt Wahlen fälschen und im Fernsehen lügen, solange der Lebensstandard wächst. Putin konnte das dank der Öldollar bedienen." Die Krise, so scheint es, hat den Pakt zerrissen. Aber Umfragen zeigen, dass sich die Gesellschaft dieser Erkenntnis bislang mit einem Restbestand an Hoffnung verweigerte. Wie lange das so bleibt, ist ungewiss.

Das Wirtschaftswachstum für 2008 klingt noch tröstlich: 5,6 Prozent. Aber der Blick auf das Jahresende offenbart ein düsteres Bild. Die Industrieproduktion ging im Dezember um 10,3 Prozent zurück. Der Gütertransport mit der Eisenbahn fiel um gut ein Fünftel. Erstmals in zehn Jahren rutschte der Staatshaushalt ins Minus. Der Rubel hat in den vergangenen sechs Monaten gegenüber dem Dollar 35 Prozent seines Wertes verloren, und eine leichte Rezession gehört mittlerweile zu den optimistischen Szenarien für dieses Jahr.

Das sind nicht die einzigen Hiobsbotschaften: Rusal, die Firma des reichsten Russen, Oleg Deripaska, kürzt die Aluminiumproduktion um elf Prozent und plant Entlassungen. Die Preise für Medikamente – ein Drittel der Arzneimittel kommt aus dem Ausland – könnten wegen des schwachen Rubels bis zum Ende des Jahres um mehr als 20 Prozent steigen. In St. Petersburg wurde der Bau eines neuen Zoos, der U-Bahn, von Kindergärten und Krankenhäusern gestoppt. Das alles sind, glaubt man Kritikern wie Deljagin, der zu Spott neigt und vor Weihnachten die Grußbotschaft "Merry Crisis" verschickte, nur die Vorboten der Krise. Ein Minus von fünf Prozent beim Wachstum, ein Produktionsrückgang um 20 Prozent und eine Inflation von bis zu 30 Prozent gelten als möglich. In den Köpfen der Minister aber, fürchtet der Ökonom Jewgenij Gontmacher, stecke noch ein behäbiges Gedankenmuster: "Zwei Quartale wird es schwierig, dann geht es wieder aufwärts."