Am 21. Februar 1919, einem sonnigen Vorfrühlingstag, wurde der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner in Münchens Promenadestraße (der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße) nahe der Liebfrauenkirche durch zwei Schüsse in den Hinterkopf ermordet. Eisners Wachsoldaten schossen sofort zurück und verletzten den Attentäter schwer: den 22-jährigen Leutnant der Infanterie und Jurastudenten Anton Graf Arco auf Valley.

Der Ministerpräsident war auf dem Weg in den Landtag, wo er die Demission des Kabinetts bekannt geben wollte – eine Konsequenz aus den bayerischen Landtagswahlen im Januar, die seiner Partei, der linken Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), eine verheerende Wahlniederlage beschert hatten. Sie war nur auf 2,5 Prozent (3 Sitze) gekommen, die Mehrheitssozialdemokratische Partei (MSPD), mit der sie seit November 1918 eine gemeinsame Regierung bildete, dagegen auf 33 Prozent (61 Sitze).

Eisner, 1867 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren, war ein bekannter Journalist und Publizist. In der Vorkriegs-SPD hatte er Karriere gemacht und nach der Spaltung der Partei 1917 die Münchner USPD aufgebaut. Er stand an der Spitze der kurzen, schmerzlosen Revolution, durch die der Herrschaft der Wittelsbacher das Ende bereitet worden war. In der Nacht zum 8. November 1918 hatte er die Republik ausgerufen und Bayern zu dem Freistaat erklärt, der das Bundesland heute noch ist.

In der Folge wurde Eisner zur Zielscheibe heftigster antisemitischer Angriffe. Besonders verübelte man ihm, dass er an der deutschen Kriegsschuld nie einen Zweifel gelassen und zum Beweis amtliche Dokumente aus bayerischen Archiven veröffentlicht hatte. "Ob wir es später einmal glauben werden", empörte sich in Berlin der Fregattenkapitän Bogislaw von Selchow, Tischnachbar Ernst von Weizsäckers in der Offiziersmesse, am 25. November 1918 in seinem Tagebuch, "daß wir solche Lumpen in Deutschland auch nur einen Tag geduldet haben?" Täglich liefen hasserfüllte Drohbriefe in der bayerischen Staatskanzlei ein; Aufrufe zum Mord wurden plakatiert. In einer Notiz, verfasst kurz vor dem Attentat, schrieb Arco: "Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter."

Unter Münchens Bürgern wurde die Nachricht von Arcos Mord nicht nur mit klammheimlicher Freude aufgenommen. "Die Schulkameraden unserer Jungen haben bei der Nachricht applaudiert und getanzt", notierte der in München lebende Schriftsteller Thomas Mann. In der Arbeiterbevölkerung überwog das Entsetzen. Hier hatte der intellektuelle Eisner große Sympathien genossen. Beim Staatsbegräbnis säumten Hunderttausende die Straßen.

Im Landtag, eine Stunde nach dem Mord: Gerade hatte der Vorsitzende der bayerischen MSPD, Innenminister Erhard Auer, der in den Monaten zuvor nichts unversucht gelassen hatte, um das Ansehen Eisners herabzusetzen, sich von der Bluttat distanziert – da stürzte der Schankkellner Alois Lindner, Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats, in den Saal und feuerte zwei Schüsse auf Auer ab. In dem anschließenden Tumult wurden ein Abgeordneter der Bayerischen Volkspartei und ein als Besucher anwesender Major getötet; Auer überlebte schwer verletzt.

Das Attentat auf Eisner und die Schüsse im Landtag bildeten den Auftakt für eine zweite, radikalere Phase der Revolution in München. Noch am 21.Februar rief der Vollzugsrat der Arbeiterräte Delegierte aus ganz Bayern zusammen. Aus dieser Versammlung ging ein Zentralrat der bayerischen Republik hervor, in dem Vertreter von MSPD, USPD und KPD sowie der Bauernräte saßen. Vorsitzender wurde ein Mehrheitssozialdemokrat, der Augsburger Volksschullehrer Ernst Niekisch, der zum linken Flügel der Partei gehörte. Ein allgemeiner Rätekongress beschloss kurz darauf, den Landtag auf unbestimmte Zeit zu vertagen und einem provisorischen Nationalrat die Regierung zu übertragen.

Die Kommunisten halten sich zurück und schmähen die "Scheinräterepublik"

Doch der Beschluss blieb folgenlos, weil die MSPD auf dem Standpunkt beharrte, dass ein funktionsfähiges Kabinett nur aus dem gewählten Landtag hervorgehen könne. Dieser trat am 17. März zusammen und berief den pfälzischen MSPD-Politiker und ehemaligen Kultusminister in der Regierung Eisner, Johannes Hoffmann, zum neuen Ministerpräsidenten. Dem Kabinett gehörten neben Hoffmann drei weitere Vertreter der MSPD, zwei Vertreter der USPD, zwei parteilose Minister und ein Vertreter des Bauernbundes an. Es gelang der Regierung Hoffmann jedoch nicht, die erregte Stimmung in der Arbeiterschaft zu beruhigen. Im Gegenteil: Die Nachricht von der Proklamation der ungarischen Räterepublik durch Béla Kun in Budapest am 21. März wirkte beflügelnd auf alle jene in München, die von einem ähnlichen Experiment träumten. Hinzu kam, dass es wirtschaftlich immer mehr bergab ging und ein plötzlicher Wintereinbruch Ende März die Not verschärfte.

Am 3. April wollten Mitglieder des Augsburger Arbeiterrats sofort die Räterepublik ausrufen. Einen Tag später fasste der Zentralrat in München den Beschluss, die nächste Sitzung des Landtags abzusagen. "Die Erklärung der Räte-Republik scheint unmittelbar bevorzustehen", schwante es Thomas Mann am 5. April. Tatsächlich fiel die Entscheidung in der Nacht vom 6. auf den 7. April im ehemaligen Schlafgemach der bayerischen Königin. Der Landtag wurde für aufgelöst erklärt, der Rücktritt des Ministeriums Hoffmann bekannt gegeben und "jedes Zusammenarbeiten mit der verächtlichen Regierung Ebert-Scheidemann-Noske-Erzberger" in Berlin abgelehnt. Die Regierung Hoffmann packte die Koffer und wich nach Norden, ins fränkische Bamberg aus. In Flugblättern, die sie von einem Flugzeug aus über München abwerfen ließ, erklärte sie, dass sie "die einzige Inhaberin der Gewalt in Bayern" bleibe und "allein berechtigt" sei, "rechtswirksame Anordnungen zu erlassen und Befehle zu erteilen".

"Das erste Stück von Deutschland, das zum Bolschewismus übergeht", kommentierte Harry Graf Kessler die Ausrufung der Räterepublik. "Wenn sich die Kommunisten dort halten könnten, so wäre das ein deutsches und europäisches Ereignis ersten Ranges." Allerdings hatten es just die Kommunisten selbst abgelehnt, sich an der neuen Regierung zu beteiligen. Für den bayerischen KPD-Chef Eugen Leviné war die neue Herrschaft nur eine "Scheinräterepublik", zumal an deren Spitze Männer standen, denen die Kommunisten mit tiefem Misstrauen begegneten.

Neuer Vorsitzender des Zentralrats wurde der Schriftsteller Ernst Toller, der sich im Ersten Weltkrieg vom Kriegsfreiwilligen zum Pazifisten gewandelt hatte und dem linken Flügel der USPD zugerechnet wurde. Unter den zwölf Volksbeauftragten (Minister) der Regierung gab es eine Reihe hoch achtbarer Persönlichkeiten wie den Schriftsteller Gustav Landauer, der das Ministerium für Volksaufklärung (Erziehung) übernahm, aber auch einige skurrile Figuren wie den bisher völlig unbekannten Franz Lipp (USPD), der das Ressort des Äußeren leitete, oder den parteilosen Anarchisten Silvio Gesell, der zum Volksbeauftragten für das Finanzwesen bestimmt wurde. Lipp brach die diplomatischen Beziehungen zu Preußen ab und verschickte Depeschen in alle Welt, die wegen ihres überspannten Inhalts allgemeine Belustigung erregten. Und Gesell löste mit der Ankündigung, er plane die Sanierung der Währung unter Verzicht auf die "systemlose Papiergeldwirtschaft", eine Panik unter den Besitzenden aus, die um ihre Bankguthaben fürchteten. Mit solchen Eskapaden brachte sich die Räteregierung schon nach wenigen Tagen um viel Kredit. "Sehr komisch ist jedenfalls der Schwabinger Kunst-Einschlag", amüsierte sich Thomas Mann am 10. April.

Andererseits fanden manche der von Toller erlassenen Dekrete große Zustimmung unter den Arbeitern – etwa die Beschlagnahme freistehender Wohnungen für Bedürftige. Die Tätigkeit der Räteregierung wurde allerdings dadurch erschwert, dass sich jeder direkt mit seinem Anliegen an die neuen Herren wenden konnte. "In den Vorzimmern des Zentralrats drängen sich die Menschen", erinnerte sich Toller in seiner Autobiografie Eine Jugend in Deutschland. "Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an, ihr seit Jahrzehnten befehdetes Lebenswerk bürge dafür, daß jetzt endlich die Erde in ein Paradies verwandelt werde." Unter diesen Umständen war an ein geordnetes Regieren kaum zu denken, zumal es sich bei der Proklamation der Räterepublik um eine vom übrigen Reich isolierte Aktion gehandelt hatte und auch in Bayern selbst die Anhänger nur in den südlichen Regierungsbezirken Oberbayern und Schwaben größeren Rückhalt besaßen.

Für die Reichsregierung in Berlin stand außer Frage, dass die nach Bamberg geflohene Regierung Hoffmann als einzig legitime Macht in Bayern anzusehen sei. Sie bedrängte Hoffmann, rasch gegen die Räteregierung vorzugehen. Am 12. April forderte Reichspräsident Friedrich Ebert (MSPD) ultimativ "die Wiederherstellung des früheren Zustandes". Sollten die wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen "nicht in kürzester Zeit zum Ziel führen", erscheine ihm "als einzige Lösung militärisches Vorgehen": "Daß je rascher und durchgreifender dieses erfolgt, um so weniger Widerstand und Blutvergießen zu erwarten ist, hat uns die Erfahrung an anderen Stellen gelehrt."

Tatsächlich hatte die Niederschlagung des Berliner Januaraufstands, der Bremer Räterepublik Anfang Februar und des Berliner Generalstreiks vom März 1919 das genaue Gegenteil gelehrt. Hoffmann war, gerade aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit der Soldateska des Reichswehrministers Gustav Noske (MSPD), noch nicht willens, die militärische Hilfe aus Berlin in Anspruch zu nehmen. Er wollte zunächst den Versuch machen, mit eigenen Kräften der Situation Herr zu werden. Am Palmsonntag, dem 13. April, wagte die regierungstreue Republikanische Schutztruppe in München einen Putsch. Sie drang ins Wittelsbacher Palais ein, verhaftete mehrere Mitglieder des Zentralrats und besetzte den Bahnhof. Die anschließenden Gefechte mit Arbeitermilizen forderten zwanzig Tote und über hundert Verletzte. Am Ende musste Hoffmanns Truppe das Feld räumen.

Der gescheiterte Coup zeitigte zwei gegenläufige Entwicklungen: Zum einen sahen die Kommunisten um Leviné nun den Zeitpunkt gekommen, das einwöchige Experiment der ersten Räteregierung zu beenden und selbst nach der Macht zu greifen. Noch in der Nacht des 13. April erklärte eine Versammlung der Betriebs- und Kasernenräte den Zentralrat für aufgelöst. Ein fünfzehnköpfiger Aktionsausschuss wurde als neue Regierung bestimmt mit einem Vollzugsrat als Exekutive, deren Vorsitz Leviné übernahm. In einem Flugblatt feierte er die Umwälzung: "Die Sonne der Weltrevolution ist aufgegangen! Es lebe die Weltrevolution! Es lebe die bayerische Räterepublik!" Ein neuntägiger Generalstreik wurde ausgerufen, um den Arbeitern Gelegenheit zu geben, sich in einer "Roten Armee" zu organisieren.

Zum anderen aber sah sich Hoffmann in Bamberg gezwungen, nun doch die bisher abgelehnte militärische Hilfe der Reichsregierung zu erbitten. Am 16. April gab Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann (MSPD) im Kabinett bekannt, dass er dem Ersuchen stattgeben würde. Mit der Reichsexekution gegen München wurde Noske beauftragt, der sich wiederum entschlossen zeigte, dem "Karneval des Wahnsinns", wie er die Zustände in München nannte, ein gnadenloses Ende zu bereiten. Die Leitung der Operationen übertrug er dem preußischen Generalleutnant Ernst von Oven.

In den Reihen der Invasionstruppen marschierten auch Freikorpsverbände, die Noske hinter dem Rücken der Regierung Hoffmann unter dem Kommando des Obersten Franz Ritter von Epp (später Hitlers Reichsstatthalter in Bayern) in Bereitschaft gehalten hatte. Insgesamt verfügten die Regierungstruppen über 30000 Mann; gegen diese gut ausgerüstete und trainierte Streitmacht besaßen die rasch zusammengewürfelten Einheiten der "Roten Armee" unter dem Oberkommando des Matrosen Rudolf Egelhofer keine Chance.

Ende April war der Belagerungsring um München geschlossen. Die Landeshauptstadt sah sich vollständig von allen Lebensmittelzufuhren abgeschnitten; der Zahlungsverkehr brach zusammen. Die gemäßigten Mitglieder in der zweiten Räteregierung, allen voran Toller und sein Parteifreund Gustav Klingelhöfer, drängten auf Verhandlungen mit den Bambergern. Am 27. April sprach eine Mehrheit der Betriebsräte dem Vollzugsrat das Misstrauen aus und zwang ihn zum Rücktritt. Im neuen Aktionsausschuss waren die Kommunisten nicht mehr vertreten. Doch alle Versuche, in letzter Minute ein Blutvergießen zu verhindern, scheiterten an der kompromisslosen Politik Noskes einerseits und an der kampfentschlossenen, die eigenen Kräfte weit überschätzenden Haltung Egelhofers andererseits. Offenbar auf seinen Befehl hin wurden am 30. April im Luitpoldgymnasium zehn Geiseln, darunter sieben Mitglieder der rechtsextremistischen Thule-Gesellschaft, erschossen – als Rache für die von den "weißen" Verbänden vor den Toren der Stadt verübten Gräueltaten. Diese Mordtat, die auch von den Anhängern der Räteregierung scharf verurteilt wurde, diente den Regierungstruppen bei ihrem Einmarsch als Vorwand, um ein wahres Blutregiment zu errichten.

Am 1. Mai wurde in München gekämpft, bereits am 3. Mai war die Stadt in Noskes Hand. "Und nun", so bemerkt Sebastian Haffner in seinem Buch über die Revolution 1918/19, "folgte ein ›weißer Schrecken‹, wie ihn noch keine deutsche Stadt, auch Berlin nicht, erlebt hatte. Eine Woche lang hatten die Eroberer Schießfreiheit, und alles, was ›spartakusverdächtig‹ war – im Grunde die ganze Münchner Arbeiterbevölkerung – war vogelfrei."

Unter den Opfern der Massaker waren 52 ehemalige russische Kriegsgefangene, die sich der "Roten Armee" zur Verfügung gestellt hatten, 12 Einwohner von Perlach, die meisten Sozialdemokraten, und 21 Mitglieder eines katholischen Gesellenvereins. Insgesamt kamen in diesen wenigen Schreckenstagen über 600 Menschen ums Leben, viele von ihnen völlig unbeteiligte Zivilisten. Erst nach dem 8. Mai hörte das Morden auf. Für "die umsichtige Leitung und Durchführung der zur Befreiung Münchens aus der Hand der Bolschewisten notwendigen militärischen Operation" sprach Ministerpräsident Hoffmann Generalleutnant von Oven seinen Dank aus.

Für Thomas Mann ist die Militärdiktatur das kleinere Übel

Auch die führenden Repräsentanten der beiden Räterepubliken blieben nicht verschont. Gustav Landauer wurde am 2. Mai gefangen genommen und bei seiner Einlieferung ins Gefängnis Stadelheim von Freikorpssoldaten auf bestialische Weise umgebracht. Rudolf Egelhofer spürte man am selben Tage in seinem Versteck auf; nach schweren Misshandlungen wurde er am 3. Mai im Innenhof der Residenz mit einem Kopfschuss getötet. Eugen Leviné starb nach kurzem Schauprozess am 5. Juni in Stadelheim durch die Kugeln eines Erschießungskommandos. Ernst Toller konnte sich bis zum 4. Juni versteckt halten; er kam mit fünf Jahren Festungshaft davon.

Am 7. Mai 1919 notierte der Dichter Erich Mühsam, der sich ebenfalls für die Revolution engagiert hatte, im Zuchthaus Ebrach in sein Tagebuch: "Mit den Münchner Schandtaten hat Noske sogar seine Berliner Blutorgien übertroffen. Das ist die Revolution, der ich entgegengejauchzt habe. Nach einem halben Jahr ein Bluttümpel: mir graut." Sein Lübecker Landsmann Thomas Mann aber machte aus seiner Erleichterung keinen Hehl. "Das Epp’sche Corps ist unter großem Jubel in bester Haltung eingezogen??, schrieb er am 5. Mai. "Ich finde, daß es sich unter der Militärdiktatur bedeutend freier atmet, als unter der Herrschaft der Crapule."

Die Regierung Hoffmann kehrte erst im August 1919 nach München zurück. Doch die Macht im Lande lag nicht bei ihr, sondern bei den Militärs. Ein scharfer Rechtsruck setzte ein. Die Stadt wurde zum Tummelplatz antidemokratischer, rechtsextremer Kräfte, und Münchens braune Boheme aus bizarren Sekten aller Art – wie dem Kreis um Stefan George – und völkischen Propheten bildete ein Biotop, das auch Hitler und die 1920 gegründete NSDAP nährte.

Der Mord an Eisner fand sein Nachspiel in einem Justizskandal, der zu den empörendsten in der Geschichte der Weimarer Republik zählt. Die Eröffnung der Verfahrens gegen Graf Arco zögerte man so lange heraus, bis der nach Ungarn geflüchtete Auer-Attentäter Lindner an die bayerischen Behörden überstellt und im Dezember 1919 zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Der Prozess gegen Arco fand im Januar 1920 statt. Die Richter bescheinigten ihm, dass seine Tat "nicht niedriger Gesinnung, sondern der glühendsten Liebe zu seinem Volke und Vaterlande" entsprungen sei. Das Todesurteil wurde schon einen Tag nach der Urteilsverkündung vom bayerischen Ministerrat in eine lebenslange Haft umgewandelt; vier Jahre später kam Arco frei. Nach 1933 zu einem "Helden der Bewegung" gemacht, blieb ihm doch eine weitere Karriere verwehrt, da er, seiner jüdischen Mutter wegen, in Hitlers Reich als "Halbjude" galt. Im Juni 1945 starb er in Salzburg. Zur letzten Ruhe gebettet wurde der Mörder in der Familiengruft der Arcos im oberösterreichischen St. Martin, ein wenig östlich von Braunau am Inn.