Am 1. Mai wurde in München gekämpft, bereits am 3. Mai war die Stadt in Noskes Hand. "Und nun", so bemerkt Sebastian Haffner in seinem Buch über die Revolution 1918/19, "folgte ein ›weißer Schrecken‹, wie ihn noch keine deutsche Stadt, auch Berlin nicht, erlebt hatte. Eine Woche lang hatten die Eroberer Schießfreiheit, und alles, was ›spartakusverdächtig‹ war – im Grunde die ganze Münchner Arbeiterbevölkerung – war vogelfrei."

Unter den Opfern der Massaker waren 52 ehemalige russische Kriegsgefangene, die sich der "Roten Armee" zur Verfügung gestellt hatten, 12 Einwohner von Perlach, die meisten Sozialdemokraten, und 21 Mitglieder eines katholischen Gesellenvereins. Insgesamt kamen in diesen wenigen Schreckenstagen über 600 Menschen ums Leben, viele von ihnen völlig unbeteiligte Zivilisten. Erst nach dem 8. Mai hörte das Morden auf. Für "die umsichtige Leitung und Durchführung der zur Befreiung Münchens aus der Hand der Bolschewisten notwendigen militärischen Operation" sprach Ministerpräsident Hoffmann Generalleutnant von Oven seinen Dank aus.

Für Thomas Mann ist die Militärdiktatur das kleinere Übel

Auch die führenden Repräsentanten der beiden Räterepubliken blieben nicht verschont. Gustav Landauer wurde am 2. Mai gefangen genommen und bei seiner Einlieferung ins Gefängnis Stadelheim von Freikorpssoldaten auf bestialische Weise umgebracht. Rudolf Egelhofer spürte man am selben Tage in seinem Versteck auf; nach schweren Misshandlungen wurde er am 3. Mai im Innenhof der Residenz mit einem Kopfschuss getötet. Eugen Leviné starb nach kurzem Schauprozess am 5. Juni in Stadelheim durch die Kugeln eines Erschießungskommandos. Ernst Toller konnte sich bis zum 4. Juni versteckt halten; er kam mit fünf Jahren Festungshaft davon.

Am 7. Mai 1919 notierte der Dichter Erich Mühsam, der sich ebenfalls für die Revolution engagiert hatte, im Zuchthaus Ebrach in sein Tagebuch: "Mit den Münchner Schandtaten hat Noske sogar seine Berliner Blutorgien übertroffen. Das ist die Revolution, der ich entgegengejauchzt habe. Nach einem halben Jahr ein Bluttümpel: mir graut." Sein Lübecker Landsmann Thomas Mann aber machte aus seiner Erleichterung keinen Hehl. "Das Epp’sche Corps ist unter großem Jubel in bester Haltung eingezogen??, schrieb er am 5. Mai. "Ich finde, daß es sich unter der Militärdiktatur bedeutend freier atmet, als unter der Herrschaft der Crapule."

Die Regierung Hoffmann kehrte erst im August 1919 nach München zurück. Doch die Macht im Lande lag nicht bei ihr, sondern bei den Militärs. Ein scharfer Rechtsruck setzte ein. Die Stadt wurde zum Tummelplatz antidemokratischer, rechtsextremer Kräfte, und Münchens braune Boheme aus bizarren Sekten aller Art – wie dem Kreis um Stefan George – und völkischen Propheten bildete ein Biotop, das auch Hitler und die 1920 gegründete NSDAP nährte.

Der Mord an Eisner fand sein Nachspiel in einem Justizskandal, der zu den empörendsten in der Geschichte der Weimarer Republik zählt. Die Eröffnung der Verfahrens gegen Graf Arco zögerte man so lange heraus, bis der nach Ungarn geflüchtete Auer-Attentäter Lindner an die bayerischen Behörden überstellt und im Dezember 1919 zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Der Prozess gegen Arco fand im Januar 1920 statt. Die Richter bescheinigten ihm, dass seine Tat "nicht niedriger Gesinnung, sondern der glühendsten Liebe zu seinem Volke und Vaterlande" entsprungen sei. Das Todesurteil wurde schon einen Tag nach der Urteilsverkündung vom bayerischen Ministerrat in eine lebenslange Haft umgewandelt; vier Jahre später kam Arco frei. Nach 1933 zu einem "Helden der Bewegung" gemacht, blieb ihm doch eine weitere Karriere verwehrt, da er, seiner jüdischen Mutter wegen, in Hitlers Reich als "Halbjude" galt. Im Juni 1945 starb er in Salzburg. Zur letzten Ruhe gebettet wurde der Mörder in der Familiengruft der Arcos im oberösterreichischen St. Martin, ein wenig östlich von Braunau am Inn.