Der Dachboden als potenzieller Fundort von Kunstwerken genießt bei Kriminologen und Erbengemeinschaften hohe Popularität. Auch Kommissar Zufall macht dort droben große Augen, wenn sich Truhen knarrend öffnen und vergessene oder vermisste Schätze eines verblichenen Künstlers gefunden werden. Bisweilen kommen sogar unerwartete Talentbeweise zum Vorschein – wie im Falle Heinz Erhardts, dessen Sohn Gero lange nach Vaters Tod auf dem Speicher einen Stapel von Klavierstücken fand.

Man hätte es ahnen können. Erhardt war Sohn eines Kapellmeisters gewesen, Enkel eines Musikalienhändlers, Dichter passgenauer Reime ("Ein Pianist spielt Liszt"), Klavierspieler im Marineorchester, Komponist der 10-Pfennig-Oper – und später auch als Alleinunterhalter an den 88 schwarzen und weißen Tasten versiert. Komponiert hat Erhardt diese Miniaturen in den zwanziger Jahren; einige von ihnen wurden als Noten veröffentlicht.

Man hat es hier mit einer Nebentätigkeit zu tun, aber man sollte nicht den Fehler begehen, diese Charakterstücke als Freizeitausgleich zum Kerngeschäft des Humoristen zu bewerten. Legt man sich die Noten aufs Klavier und meistert kleine Schwierigkeiten, dann gibt sich Erhardt auch hier als zwinkernder Verdreher von Logik und Erwartung zu erkennen. Nehmen wir den Walzer eines Wahnsinnigen in d-moll, wo uns eine Spielanweisung des Meisters überrascht: "Es ist sehr gut, wenn man jeden Takt in verschiedener Geschwindigkeit und Tonstärke spielt, um das Wahnsinnige zu betonen." Folgt man dem Imperativ, wird das Stück zur Beschleunigungsfantasie, die als monströse Akkordshow mit lachhaften Dreiklangsbrechungen auftritt. Vermerk obendrüber: "H. Erhardt, 19. V. 25".

Das ist nicht irgendeine Zeit – es ist das Jahr, in dem der französische Sonderling Erik Satie starb, in dem der Dadaismus wieder aufflammte und in dem Erwin Schulhoff das Klavier zum klassischen Jazzinstrument machte. Erhardt absolvierte ja in Leipzig eine Ausbildung zum Musikalienhändler und kam so mit Musik der Moderne in Kontakt. Da er heimlich mit dem Beruf des Pianisten liebäugelte, belegte er zudem Klavier und Komposition am örtlichen Konservatorium. So entstand eine private Ästhetik, die zwischen Dada und amerikanischen Tanzrhythmen changiert, etwa in der Komposition Riga, die sich als einwandfreier Foxtrott entpuppt.

Was Kontrapunkt und Stimmführung betrifft, so bevorzugt der Komponist Erhardt, stets im Einklang mit der Tonalität, vollgriffige Ballungen, schreibt aber auch kahle Flächen mit leeren Akkorden. In die Programmmusik wagt sich Erhardt beim Spuk im Schloss vor, der eines versierten, chromatische Skalen nicht fürchtenden Pianisten bedarf. Wie eine Abschreckung von Laien wirkt der Flohmarsch, bei dem ein aparter Tritonus Juckreiz erzeugt.

Summa summarum bargen Erhardts Kisten sehr viel Hübsches für ’nen Pianisten.

Am 20.3. werden die kürzlich entdeckten Kompositionen Heinz Erhardts in der Berliner Philharmonie uraufgeführt. Im April erscheint eine CD mit den 20 unveröffentlichten Klavierstücken im Verlag musiktotal.