Leiden die deutsch-polnischen Beziehungen unter einem Fluch der deutschen Wahlkampfjahre? Vor 1989 hieß es, die Volksparteien müssten Rücksicht auf die Stimmen der Vertriebenen nehmen. Noch 1990 verweigerte Helmut Kohl dem ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Polens, Tadeusz Mazowiecki, ein eindeutiges Bekenntnis zur Endgültigkeit der Oder-Neiße-Grenze. Kohl gewann die Wahl, doch der fade Beigeschmack blieb, dass dem "Vereinigungskanzler" die Aussöhnung mit Polen nur so lange wichtig war, wie sie ihn innenpolitisch nichts kostete. Mit Rücksicht auf einen Teil seiner Klientel ließ er auch einige der Scheinwelten der bundesdeutschen "Rechtsstandpunkte" in der Schwebe. Die Folge waren nicht nur das beschämende Gezerre um Entschädigungen für polnische KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, sondern auch ein schäbiger Dauerstreit um die Musealisierung der Vertreibungen und den Stellenwert des Bundes der Vertriebenen im deutsch-polnischen Verhältnis.

1998 ging es im deutschen Wahlkampf wieder um die Vertriebenen. Auf Initiative der Christdemokraten richtete der Bundestag eine anbiedernde Erklärung an sie, was eine geharnischte Gegenerklärung des polnischen Sejm auslöste. Deutsche und Polen waren kurz davor, Nato und EU-Partner zu werden, aber noch immer prallten einseitige Geschichtsauffassungen aufeinander. Die Bundestagsabgeordneten sahen darüber hinweg, dass die Berufsvertriebenen jahrzehntelang die Anerkennung der polnischen Grenze verweigert hatten. Die Sejm-Abgeordneten wiederum ignorierten, dass seit 1956 ausgerechnet viele Deutsche, die 1945 ihre Heimat im Osten verloren hatten, nicht nur den Dialog mit Polen suchten, sondern sich im Bewusstsein deutscher Schuld für die Achtung des verkannten Nachbarn einsetzten.

Dieser gegenseitige Krampf nimmt kein Ende. Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), will nun in den Stiftungsrat des Dokumentationszentrums "Sichtbares Zeichen", das an die Vertreibungen in Europa erinnern soll. Nach der Phase des diplomatischen Desasters unter der Regierung Kaczyński hatte der neue polnische Ministerpräsident Donald Tusk die deutsch-polnische Verkrampfung gelöst. Bei seinem Antrittsbesuch in Berlin avisierte er eine "freundliche Distanz" zu dem kniffligen Projekt und gab damit den Weg dafür frei. Anschließend revitalisierten Warschau und Berlin die auf Sparflamme gehaltenen Kontakte. Allerdings erwartete die polnische Seite im Gegenzug, dass die BdV-Präsidentin nicht in den Stiftungsrat des Projekts berufen würde.

Erika Steinbach, geboren 1943 als Tochter eines deutschen Unteroffiziers im besetzten Polen, wurde 1998 Vorsitzende des BdV, obwohl sie vor 1994 in dem Verein kaum aktiv gewesen war. Sie fiel allerdings dadurch auf, dass sie 1991 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße stimmte. Als oberste Vertriebene ging sie prompt auf Konfrontationskurs mit dem "Vertreiberstaat" Polen, der nicht "europafähig" sei: Sie werde ihm das Beitrittsrecht verweigern, solange er sich nicht für das "Verbrechen der Vertreibungen" entschuldige, den Vertriebenen kein Rückkehrrecht garantiere und sie für das im Osten verlorene Eigentum nicht entschädige. Schließlich wollte sie ein Dokumentationszentrum, das an die Leiden deutscher Vertriebener erinnern sollte.

Über Jahre hat sie ihre Idee vom "Zentrum gegen Vertreibungen" gegen polnischen Widerstand vertreten und letztendlich als "Sichtbares Zeichen" unter den Fittichen des Deutschen Historischen Museums erkämpft – aber mit ihrer angekündigten Kandidatur schadet sie ihrem Lebenswerk. Bereits 2006 wurde ihr von polnischer Seite öffentlich nahegelegt: "Wenn ein Ideengeber eines bahnbrechenden Projektes merkt, dass er selbst dessen Verwirklichung im Wege steht, kann er Größe dadurch beweisen, dass er sich zurücknimmt und die Sache anderen überlässt, die nicht weniger befugt sind. Dann wird der Zeitpunkt kommen, an dem auch seine Leistung anerkannt wird." Diese Größe hat Erika Steinbach nicht gezeigt.

Man sollte in Deutschland den Konflikt um Erika Steinbach nicht lediglich als Ergebnis polnischer Überempfindlichkeiten abtun. Die gibt es natürlich, aber man sollte es lieber darauf anlegen, sie zu entschärfen. Umgekehrt verfehlen die Polen den Kern des Problems, wenn sie sich in ihrer eigenen Geschichtsneurose gefallen und die des Nachbarn ignorieren. Es ist ein Unglück, dass es derzeit in beiden Ländern an jungen Politikern, Intellektuellen und Medienleuten fehlt, die die europäische Tragweite der deutsch-polnischen Nachbarschaft so sehr verinnerlicht hätten, dass sie im gegenseitigen Einvernehmen einen Ausweg aus dem Teufelskreis beiderseitiger Arroganz und Ignoranz weisen würden.

Der Ball liegt nun bei Deutschland. 2009 ist nicht nur schon wieder ein deutsches Wahljahr, sondern auch ein Jahr der Jubiläen. 20 Jahre seit dem Sieg über den Kommunismus, 70 Jahre seit Kriegsanfang, der mit dem Überfall auf Polen begann, 90 Jahre seit dem Versailler Vertrag, der eben nicht nur ein "Schandfrieden", sondern auch das Fundament der polnischen Souveränität war. Für diese Jahrestage ist ein ganzes Programm deutsch-polnischer Veranstaltungen vorgesehen. Die seien aber gefährdet, wenn die BdV-Präsidentin in den Stiftungsrat des "Sichtbaren Zeichens" berufen würde, meinte Władysław Bartoszewski, in der Regierung Tusk Beauftragter für die deutsch-polnischen Beziehungen.