Washington DC - Haben Sie wirklich gerade gesagt, die Wirtschaftskrise gefährde den Weltfrieden?", fragten die Senatoren Amerikas neuen Geheimdienstchef. "Ja", erwiderte Dennis Blair während seiner Anhörung. In einer Expertenrunde vor dem Auswärtigen Ausschuss zielte Senator John Kerry in dieselbe Richtung: "Ist die Wirtschaftskrise Ihrer Meinung nach tatsächlich bedrohlicher als der Terrorismus?" – "Ja", antworteten fünf einvernommene Ökonomen und Politikwissenschaftler nachdrücklich. Bankrotte Länder, stürzende Regierungen, Arbeitslosenheere, Aufruhr, Handelskämpfe und Kriege dominierten die Prognosen. Kein Land bleibe verschont, doch am schlimmsten treffe es die Ärmsten. Sinkende Rohstoffpreise, schrumpfende Exportchancen und sündhaft teure Kredite – das sei "die Formel für den Niedergang", erklärte ein Harvard-Professor.

In der Expertenrunde im Raum 419 des Senatsgebäudes Dirksen konnte man das Fürchten besonders gut lernen. Nur wenige Zuhörer durften lauschen, Saaldiener zogen die schweren Brokatvorhänge zu und sperrten die Wintersonne aus. Nichts sollte die Runde ablenken. In der Mitte saßen rund um dunkle Eichentische drei Senatoren und die Experten aus Universitäten und Denkfabriken. Mit straffer Hand dirigierte Senator John Kerry, der gern selbst neuer Außenminister geworden wäre, die Fragestunde. Sobald einer der Professoren sich in Wolkigkeit verlor, unterbrach Kerry: "Bitte bleiben Sie konkret! Wo sind Ihre Beweise für die Gefahren? Wir wollen es genau wissen!"

Die Fachleute reichten Blätter mit Zahlen und schwindelerregenden Kurven herum. Ihr werde ganz schwarz vor Augen, bemerkte eine Senatorin angesichts der Nachrichten aus Europa und Asien. Im Stakkato trugen die Professoren vor: Island ist ruiniert und hoch verschuldet in Moskau, weil westliche Verbündete die Hilfe verweigerten. Russland winkt mit Geld und macht sich trotz sinkender Öl- und Gaspreise und schwindender Devisenreserven seine Nachbarn gefügig; Kirgistan zum Beispiel erhielt soeben eine Geldspritze und schließt im Gegenzug den amerikanischen Stützpunkt für Afghanistanflüge.

Osteuropa befürchtet den Kollaps, weil seine Exportmärkte zusammenbrechen. Libyen rettet europäische Banken. EU und Euro stehen vor einer Zerreißprobe. Griechenland, Portugal, Italien, Spanien und Irland, meinten die Experten, könnten nicht mehr lange im europäischen Feld mithalten, Spaniens Arbeitslosigkeit sei bereits von acht auf 14 Prozent geschnellt und werde bis Ende des Jahres wahrscheinlich auf 18 Prozent steigen. "Das muss eine junge Demokratie erst einmal aushalten können", so der Harvard-Politologe.

Überdies: In Japan sinkt der Export um 30 und die Industrieproduktion um zehn Prozent, Hightech- und Autobranche entlassen Zehntausende, der Finanzminister musste soeben zurücktreten. In Südkorea ist die Lage ebenso verheerend und eine Besserung nicht in Sicht. Laut der Experten müsse China seine Wachstumsprognose für dieses Jahr von dreizehn auf sechs Prozent reduzieren, alles unter acht Prozent sei schlimm, Millionen von Wanderarbeitern würden keine Anstellung mehr finden. Die Wut auf Amerika als den Verursacher der Krise werde wachsen. In dieser Woche will Außenministerin Clinton versuchen, die Wogen in Asien zu glätten.

Schließlich: Das Erdbeben auf der Wall Street hat Pakistans kleine, aber wichtige Mittelschicht unter sich begraben. In Indien, in Ägypten, in Iran und im Gaza-Streifen wächst das Heer arbeitsloser junger Männer. Weltweit verschwinden gegenwärtig etwa 50 Millionen Jobs. Die Folgen, wurde den Senatoren erläutert, seien offenkundig: Extremismus, Hungeraufstände, Unterdrückung, alte und neue Kriege. In Kongo und Sri Lanka zum Beispiel seien die Kämpfe erneut wieder heftig aufgeflammt. Eine gutes Viertel aller Regierungen rund um den Globus sei bereits in Bedrängnis geraten. Im Angesicht des Volkszorns würden vielerorts Bürgerfreiheiten beschnitten. In Wladiwostok gehe Russlands Polizei schon seit Monaten brutal gegen Demonstranten vor, die gegen höhere Steuern für Importautos protestierten.

"Und was, wenn inmitten des Chaos Nordkorea und Iran die Atombombe bauen?", fragte Kerry dazwischen. "Wir können da nicht beruhigen", lautete die Experten-Auskunft, "manche Staaten werden mit dem Feuer spielen. Und in der Weltwirtschaftskrise verlieren leider auch die Löschzüge an Kraft." Die Geschichte zeige: Statt gemeinsam zu handeln, denke jeder nur noch an sich selber. Dieser Egoismus sei hochgefährlich. In Großbritannien gingen bereits Tausende auf die Straße und forderten "Arbeit nur für Briten", und Amerikas Regierung würde mit dem Geld aus ihrem Rettungsplan am liebsten nur nationale Firmen und Produkte bedenken. "Wir steuern auf neue Handelskriege zu", warnen die Ökonomen im Raum 419.