Tim Geithner steht vor einer schweren weißen Holztür. Sie führt in den Ballsaal des Hotels Excelsior in Rom. Der neue amerikanische Finanzminister will der Welt erklären, wo die USA stehen. Es ist sein erster internationaler Auftritt. Doch ausgerechnet jetzt streiken die Mikrofone. Eben ging der G-7-Gipfel zu Ende, Geithner hat zwei Tage mit seinen Kollegen aus den anderen großen Industrienationen verbracht, er hat ihnen den amerikanischen Bankenrettungsplan erklärt, er hat mit Peer Steinbrück über Protektionismus gesprochen. Die deutsche Regierung sorgt sich, dass die Amerikaner ihre Märkte abschotten, weil ihr Konjunkturpaket heimische Unternehmen bevorzugt.

Geithners Vorgänger, der bullige Wall-Street-Veteran Henry Paulson, hätte an dieser Stelle den Raum mit einem überdimensionierten Sternenbanner dekorieren lassen, er wäre in den Saal gestürmt, hätte ein vorbereitetes Statement abgelesen, zwei oder drei Fragen ausgewählter US-Journalisten zugelassen und wäre wieder verschwunden. Statt des Sternenbanners zieren nun die Flaggen der G-7-Mitglieder den Raum. Als der Ton schließlich funktioniert, öffnet man Geithner, dem eher schmalen Karrierebeamten, die Saaltür. Er nimmt sich für die wenigen Meter zum Rednerpult viel Zeit, wirft hin und wieder einen verstohlenen Blick zum Publikum, so als wolle er herausfinden, ob er willkommen ist. Wenn er Fragen beantwortet, fixieren seine Augen den Gesprächspartner. Er holt noch einmal aus, wenn er Skepsis registriert, und wirkt erleichtert, wenn der Fragesteller zustimmend nickt.

Herr Geithner, schotten die Amerikaner ihre Märkte ab?

"Wir haben die Bedenken zur Kenntnis genommen, und der Präsident hat darauf reagiert. Wir werden unsere Grenzen offen halten."

Die Zurückhaltung des Ministers unterstreicht die Botschaft seines Auftritts: Amerika hört wieder zu, es braucht seine Partner, das ist sein Signal an die Welt. Und die achtet in diesen Tagen auf solche Dinge. Sie sollen Aufschluss geben, ob die Staaten kooperieren oder ob jeder seinen eigenen Weg geht. Das klingt lapidar, doch daran hängt der Wohlstand der Nationen. Die Geschichte zeigt: Abschottung führt in den ökonomischen Abgrund.

So wie im Sommer 1931. Am 8. Juli sprach der Chef der Danatbank, damals eines der größten deutschen Finanzinstitute, bei Hans Luther vor, dem Präsidenten der Reichsbank. Das Institut sei praktisch zahlungsunfähig. Das nach dem Krieg durch Reparationszahlungen geschwächte Deutschland hat kaum noch Geld, also reist Luther nach London und Paris. Einen Kredit über eine Milliarde Dollar benötige er, um das Finanzwesen zu stabilisieren, vertraute Luther seinem britischen Kollegen Montagu Norman an. Doch Luther holt sich eine Abfuhr ein. Großbritannien kämpft selbst mit Finanzproblemen, Frankreich knüpft für Deutschland unerfüllbare politische Bedingungen an eine Kreditvergabe, und die Amerikaner wollen sich nicht einmischen. So bleiben am 13. Juli die Schalter der Danatbank geschlossen, vor den Filialen bilden sich Schlangen. Die Weltwirtschaftskrise ist in Deutschland angekommen.

Immer wieder versagt in den Jahren darauf die internationale Kooperation. Um ihre Konjunktur zu stützen, werten viele Länder ihre Währung ab und errichten Grenzen für den Handel. Sie wollen sich einen Vorteil verschaffen, ihre heimischen Unternehmen stützen und schützen gegen ausländische Konkurrenz. Doch am Ende ziehen sich die Volkswirtschaften gegenseitig nach unten.

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