"Die Jordanier", sagt er, "sind Pferde. Die Amerikaner sind Schweine. Die Briten, die das Heilige Palästina den Juden gaben, sind Mäuse. Und die Deutschen sind Kamele."

Kamele? Warum Kamele?

"Deutsche", erklärt Ali, "haben die Fähigkeit, großes Ungemach und viele Enttäuschungen zu ertragen, weil sie geduldig sind. Jahrelang litten sie unter den Juden, aber als die Gelegenheit kam, es den Juden zurückzuzahlen, haben die Deutschen sie umgebracht." Haben die Juden das verdient? "Deutschland brachte eine Million Juden um", sagt Ali, "und das war gut." Alle Anwesenden stimmen zu.

"Tobias aus Deutschland" will es nun genau wissen. "Wenn ein Fremder ohne Ausweis zu Ihnen nach Hause käme, könnten Sie dann sagen, ob er Jude oder Deutscher ist?", frage ich ihn.

Wahrscheinlich ist das die dümmste Frage, die ich stellen konnte. Auch Ali ist ziemlich enttäuscht. Wie kann ich seine Intelligenz so beleidigen? Natürlich würde er wissen, wer der Fremde ist! Und dann verstummt Ali für einige Minuten. Er taxiert mich – den Kopf, die Augen – und kommt offenbar zu dem Schluss, dass ich ein paar grundlegende Lektionen brauche. "Wenn wir gute Muslime sind", hebt er an, "und das Wort Allahs erfüllen, wird uns Palästina wieder gehören. Sehen Sie sich Nasrallah im Libanon an: Er hält an Allah fest, und Allah hilft ihm beim Töten der Juden. Mögen wir alle wie Nasrallah sein. Die Juden verfälschten das Wort Allahs in der Thora. Die Christen verfälschten das Wort Allahs im Neuen Testament. Aber es gibt einen Mann, der das Erste Buch Allahs besitzt, und er kennt die Wahrheit. Wissen Sie, wer das ist?" Nein, keine Ahnung. "Der Papst!" Der deutsche Papst? "Ja, genau der." Gesegnet sei dein Haupt, Papa Benedikt, die Menschen in al-Wadaht lieben dich. "Welches Buch genau besitzt der Papst?", frage ich. "Das wahre Wort Allahs, das Original, ist im Keller des Vatikans versteckt!", ruft Ali. Hat Ali Mohammed Ali das Buch denn gesehen? "Ich habe eine Kopie davon, es ist der Koran." Ali liest mir jetzt aus dem Koran vor. Er schlägt das Buch auf und sagt: "Die Juden werden alle getötet werden. Jeder Baum und jeder Stein wird am Töten der Juden teilhaben." Alis Sohn, der zu meiner Rechten sitzt, nimmt ein Stück Papier und schreibt judenfeindliche Schmähungen auf, "heilige Worte". Er reicht mir das Papier, eine Art Talisman gegen das Böse. Ich danke ihm überschwänglich für das Geschenk und stelle noch eine Frage: Behandelt die jordanische Regierung die Palästinenser gut? "Ja, das tut sie. Das Leben in Jordanien ist sehr schön. Keine Klagen." Während Ali über die jordanische Regierung spricht, sehen die Anwesenden still zur Seite, niemand darf Ali in seinem eigenen Haus widersprechen. "Wozu dann kämpfen", frage ich weiter, "um nach Palästina zurückzukehren, wenn das Leben in Jordanien so schön ist?" Ali senkt den Blick und murmelt: "Ja, ja. Schön, alles ist schön." Darf ich der Welt berichten, dass die Palästinenser in Jordanien glücklich sind und keine Probleme haben? Ich darf.

Ein Mann, der nicht weit von mir sitzt, bietet an, mich herumzuführen und mir das schöne Leben der Palästinenser in al-Wadaht zu zeigen. Er fragt, ob ich einen Spaziergang machen möchte.

Und wir gehen spazieren.

Wir gelangen zum Marktplatz von al-Wadaht. Das Wort Auschwitz kommt mir seltsamerweise in den Sinn. Im Holocaust Museum in Washington gibt es eine Ausstellung, in der zahllose gebrauchte Schuhe ungeordnet übereinanderliegen. Dieser Teil der Ausstellung ist am bewegendsten, da er auf die Schuhe anspielt, die die Juden auf dem Weg in die Gaskammern zurücklassen mussten. Daran denke ich, als ich jetzt an einem "Laden" vorbeigehe, den hier alle "Europäische Schuhe" nennen. Gebrauchte Schuhe liegen in keiner erkennbaren Ordnung auf der Straße. Fast wie die Schuhe in Washington. Nur dass diese hier zu verkaufen sind. Mein Fremdenführer, ein Mann, dessen Namen ich nicht kenne, sieht mich an und fragt sich, ob ich Schuhe kaufen will. Der Markt, sagt er, habe Besseres zu bieten: palästinensische Süßigkeiten. Ob ich welche probieren möchte? Wir gehen zum Bäcker und kommen am lokalen Sportclub vorbei. Am Eingang ziert eine israelische Flagge den Boden. Werden die Palästinenser in al-Wadaht etwa alle zu Zionisten? Nicht direkt. Wie mein Führer mir erklärt, schreitet jeder, der den Sportclub betritt, mit seinen schmutzigen Schuhen über die Flagge. Gibt es eine süßere Methode, sich an den verbrecherischen Hunden zu rächen? Wir lachen beide über diesen großartigen Affront und gehen weiter. Alle paar Schritte halten Männer meinen Begleiter an und fragen, wer der Fremde sei. Nach einiger Zeit befindet er, dass es reicht. "Möchten Sie gern reden?", fragt er mich. Wir kehren in die Wohngebiete von al-Wadaht zurück: "Häuser", die so aussehen wie Alis, 4 mal 4 Meter. Jede Familie bewohnt ein solches Haus, unter den Einheimischen werden sie "Einheit" genannt. Was auch die Bedeutung von al-Wadaht ist: Einheiten. Als al-Wadaht gebaut wurde, erklärt man mir, wurde jeder Flüchtlingsfamilie eine Einheit zugewiesen, und seitdem heißt es Lager der Einheiten.