Wir erreichen eine Einheit ohne Strom. Überall Kerzen. Ob ich lieber draußen sitzen möchte? Ein fremder Mann tritt zu uns und schlägt vor, dass wir uns auf die Straße setzen. Aber keine Fotos bitte. "Wenn die jordanische Regierung erfährt, was ich Ihnen gleich erzähle, bedeutet das 20 Jahre Gefängnis. Wir stellen 70 Prozent der Bevölkerung in Jordanien, aber nicht ein einziger Palästinenser ist bei den Sicherheitsdiensten. Wir kennen sie nur durch das Gefängnis. Verstehen Sie?" Er sagt nicht, wie er heißt, und überlässt es mir, wie ich ihn nennen will. "Wie wär’s mit Haled?", frage ich. Ist ihm recht. Haled, der von Beruf Englischlehrer ist, unterhält sich lieber auf Englisch. Das ist sicherer.

Haled:

"Der Geheimdienst ist allgegenwärtig. Unser Leben ist erbärmlich. Den meisten von uns bleibt die Chance, jemals hier rauszukommen, zeitlebens verwehrt. Ein jordanischer Highschool-Absolvent mit einem mittelmäßigen Notendurchschnitt bekommt eher einen Studienplatz als ein Palästinenser mit einem guten Durchschnitt. Und die meisten Palästinenser, die an jordanischen Universitäten genommen werden, dürfen nur Literatur, Geschichte oder etwas in der Richtung studieren. Medizin? So gut wie nie, es sei denn, wir zahlten dafür. Keine Stipendien, wie man sie den Jordaniern gewährt. Ich habe einen jordanischen Pass, aber jeder Polizist kann sofort erkennen, dass ich Palästinenser bin: Wir haben andere Ausweisnummern. Die jordanische Regierung erhält von den UN und aus anderen Quellen für jeden hier lebenden Palästinenser Geld und steckt es sich in die eigene Tasche. Wir sind ein ›Schatz‹ für die Jordanier: Kühe, die man melken kann. Wir sind eine Ware. Wir werden nicht wie Menschen behandelt. Warum gibt es die Lager immer noch? Warum sieht man hier überall diese menschliche ›Ware‹? Warum so viele arme Palästinenser? Weil wir wie Aktien an der Wall Street sind. Die jordanische Regierung hält uns an. Verhaftet uns. Herrscht über uns. Vertraut uns nie. Und niemand auf der Welt interessiert sich dafür. Millionen armer Palästinenser werden nie aus ihrem Elend herausfinden. Warum? Wegen ihrer arabischen Brüder. Die Juden haben uns Unrecht getan, und dafür werden sie den Preis zahlen: Eines Tages wird sich die arabische Nation ändern und für uns kämpfen. Alle arabischen Armeen werden sich in Jordanien versammeln, in Palästina einmarschieren und die Juden auslöschen. So steht es im Koran, und das glaube ich. Ganz fest. Doch bis dieser Tag kommt, müssen wir leiden. Durch die Hand unserer Brüder, die uns verachten und auf unsere Kosten reich werden. König Hussein sagte mal, dass Menschen ›Kapitalanlagen‹ sind. Ja, für ihn waren wir das. Und für seinen Sohn, König Abdallah, sind wir es noch. Sehen Sie sich dieses Lager an: Wo sonst leben Menschen unter derart schlimmen Bedingungen? Und wie kommt es, dass sich niemand auf der Welt darüber beklagt? Wenn sich jemand für die Palästinenser interessiert, warum dürfen uns die Jordanier dann wie Kühe behandeln? Und wir haben es noch gut, das kann ich Ihnen sagen. Das Leben der Palästinenser im Libanon ist viel härter. Sie dürfen nicht nur keine Häuser kaufen, sie dürfen auch kein Auto besitzen. Möge Allah sich an den verfluchten Juden rächen."

Während Haled spricht, sind wir von Männern umgeben, die uns vor möglichen Störenfrieden schützen. Ich werde von namenlosen Bodyguards bewacht, den armen Menschen von al-Wadaht. Soweit ich sehe, trägt keiner eine Schusswaffe. Stattdessen bieten mir Haleds Freunde eine Vielzahl verschiedener Süßigkeiten an. Das Leben in diesem von Allah im Stich gelassenen Erdenwinkel mag bitter sein, doch die Backwaren von al-Wadaht sind die besten, die Tobias aus Deutschland jemals gegessen hat. Köstlich.

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit