Die Finanzkrise bedroht inzwischen die nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam aufgebaute wirtschaftliche und politische Stabilität in Europa. Es ist das Verdienst von Peer Steinbrück, Deutschlands eigentlich eher zur Vorsicht neigendem Finanzminister, auf diese Gefahr aufmerksam gemacht zu haben. Darüber hinaus ist er im Prinzip bereit, andere Staaten finanziell zu stützen. Jetzt sollte auch die Kanzlerin ihre Zurückhaltung aufgeben und Position beziehen. Denn die Krise könnte einige europäische Staaten in den Abgrund reißen. Spanien und Portugal sind geschwächt, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft vernachlässigt haben. Ausländisches Kapital finanzierte den Boom in Ungarn und im Baltikum, in der Krise ziehen die Investoren jetzt ihre Gelder ab. Und ob Großbritannien oder Irland die Kosten der diversen Rettungsaktionen für ihre Banken schultern können, ist nicht ausgemacht.

Gewiss, ein Staat hat viele Möglichkeiten, sich Geld zu beschaffen. Er kann die Steuern anheben und Ausgaben streichen. Doch abgesehen davon, dass eine solche Politik in einer schweren Krise höchst unklug wäre, weil sie die Nachfrage noch weiter dämpfte, würde ein solcher Kurs derzeit viele Länder politisch überfordern. In Griechenland gab es Unruhen, ebenfalls im Baltikum. Selbst die Iren gehen mittlerweile auf die Straße. Wer in einer solchen Situation mit harter Hand regiert, gefährdet die politische und soziale Stabilität. So sehen es auch die Investoren an den Finanzmärkten, und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass an diesen Märkten die Deutsche Bank mittlerweile als stabiler angesehen wird als Irland. Wenn sich bei den Anlegern erst einmal Panik breitgemacht hat, ist es womöglich schon zu spät. Dann steigen die Zinsen, die Wirtschaft gerät noch stärker unter Druck, und die Krise verschärft sich von selbst.

Ein Staatsbankrott in einem oder mehreren europäischen Ländern ist eine echte Gefahr. Die Politik muss alles tun, um ihn verhindern. Nötig ist eine Koalition zahlungskräftiger Länder, die unter Einbindung des Internationalen Währungsfonds Finanzhilfen bereitstellt. Deutschland müsste eine zentrale Rolle spielen, denn es gilt am Kapitalmarkt noch als guter Schuldner und kann sich relativ problemlos Geld borgen.

Es wäre gut angelegtes Geld. Die Wirtschaft der Bundesrepublik ist wie kaum eine andere mit dem Ausland verflochten. Die deutsche Regierung muss deshalb aus Eigeninteresse eine Finanzpanik jenseits seiner Grenzen verhindern. Hiesige Banken haben Milliarden in Spanien oder Polen angelegt. Nicht alles davon lässt sich problemlos zurücktransferieren. Es drohen also neue Löcher in den Bankbilanzen, die der Staat füllen müsste. Dann lieber gleich Geld lockermachen und das Problem an der Ursache bekämpfen. Und: Wenn die Krise Osteuropa verwüstet, verlieren hiesige Unternehmen wichtige Absatzmärkte. Die gleiche Gefahr droht, falls ein Land wie Spanien den Euro abschafft und eine Weichwährung einführt, um so den Export anzukurbeln.

Es geht auch nicht mehr nur um die Wirtschaft. Deutschland wäre isoliert, und alle außenpolitischen Anstrengungen der Nachkriegszeit wären zunichte gemacht, würde das Land nicht helfen. Ganz zu schweigen von den sicherheitspolitischen Risiken, die von ökonomisch destabilisierten Staaten ausgehen. Es gibt sogar ein moralisches Argument. Deutschland hat gut verdient am Schlendrian seiner Nachbarn. Die meisten Probleme der Krisenstaaten sind zwar hausgemacht. Doch wenn man in Spanien oder Italien in den vergangenen Jahren genauso bei den Löhnen geknausert und die Wettbewerbsfähigkeit über alles gestellt hätte wie hierzulande, dann hätte es das deutsche Exportwunder nicht gegeben.