Eines aber störte viele Künstler besonders: Wer Schatten malt, verzeitlicht die Kunst. Man könnte sagen: Er verweltlicht sie. Denn der Schatten verrät nicht nur die Tageszeit, er kündet auch von der Vergänglichkeit des Gezeigten. Wir sehen nicht länger das Ewige, sondern etwas Augenblickliches, das vergeht, sobald die Schatten weiterwandern.

So ist es kein Zufall, dass die Madrider Ausstellung mit der Renaissance einsetzt, mit jener Zeit, in der das Göttliche sich zu relativieren beginnt und die Künstler ihre Bilder nicht länger nur als Kult-, sondern auch als Weltobjekte begreifen, randvoll mit Wirklichkeit. Schon oft ist diese Entdeckungsgeschichte erzählt worden, doch noch nie aus dem Schatten heraus. Noch nie gab es eine Überblicksschau wie diese in Madrid, die klug und immer wieder überraschend die Entwicklung der Kunst nachzeichnet. Die Kuratoren überfrachten ihre Ausstellung nicht mit Didaktik, und doch stehen die Werke in einer fast natürlichen Beziehung zueinander und scheinen sich über die Jahrhunderte hinweg zu unterhalten. Sie erzählen sich gegenseitig von ihrer Faszination für den Schatten, für die Art und Weise, wie er mal die Kunst beglaubigt und mal entrückt.

Schon Jan van Eyck treibt dieses Zwitterspiel geradezu ins Paradoxe. Seine Verkündigungsszene zum Beispiel: Einerseits malt er Maria und den Engel als graue Skulpturen, tot und erstarrt. Andererseits tut er alles, um die Versteinerten derart lebendig erscheinen zu lassen, als könnten sie uns gleich entgegenhüpfen. Gefährlich nahe stehen ihre Steinsockel am vorderen Bildrand, ja, die untere Sockelkante scheint sogar aus dem Bild herauszuragen. Van Eyck hat sie nicht auf die plane Holztafel, sondern auf den Holzrahmen gemalt – ein optischer Trick, der uns das Ferne nah bringt.

Gesteigert wird dieser absurde Effekt noch durch die Schatten, die Maria und der Engel auf den linken Bildrand werfen. Denn die Lichtquelle, der sich diese Schatten verdanken, findet sich nicht im Bild, sie liegt außerhalb, im Reich der Nichtkunst, dort, wo wir Betrachter stehen – als würde erst unsere Gegenwart das Vergangene beleuchten und beleben.

Doch damit nicht genug: Van Eyck schenkt seinen Skulpturen einen zweiten Schatten, er fällt auf den Bildhintergrund, dorthin, wo eigentlich nichts zu sehen ist, nur ein undurchdringliches Dunkel. Schatten, die auf Schatten fallen – van Eyck malt das Unmögliche. Und führt uns so vor, was Malerei ausmacht: Sie spielt uns Realität vor und übersteigt sie. Feiert die Illusion und raubt sie uns.

Im Barock verschluckt das Schwarz sämtliche Gewissheiten

Schatten, das lernen wir aus diesem Bild, ist immer beides: Er verleiht den Kunstwerken Tiefe und lässt Dinge und Menschen lebensnah erscheinen. Zugleich entzieht er so manches unserem Blick, manchmal mystifiziert er die Bilder geradezu. Schatten besitzt etwas Rationales, was vor allem die Renaissancekünstler für ihre erhellten Bilderbühnen zu nutzen wussten. Ebenso können Schatten aber eine Szene ins Irrationale ziehen – und das schätzten vor allem die Künstler des Barock.