Bei ihnen erobert das tiefe Schwarz, das sich bei van Eyck noch im Hintergrund hält, den ganzen Bildraum, und sämtliche Gewissheiten scheinen sich darin aufzulösen. Meist schälen sich noch ein paar leuchtende Körper aus den Nachtwelten, nie aber weiß man, ob nicht im nächsten Moment die Dunkelheit alles verschluckt. In der spanischen Malerei scheint den Menschen das Schattenhafte gar aus allen Poren zu dringen, ihre Haut ist wie von Rußpartikeln zugesetzt.

Es ist, als wäre mit der Akribie der Renaissance, mit ihrer Vorliebe für klar umrissene Schatten, auch der Glaube daran gewichen, die Welt eindeutig erfassen zu können. Überall in den Bildern von Jean Leclerc oder Matthias Stom lauert das Unbestimmte, Ungreifbare. Und selbst dort, wo es ganz hell wird, wie auf Rembrandts Emmaus- Bild, ist das Eigentliche nicht zu greifen. In diesem Fall ist es der auferstandene Christus, den Rembrandt als Schattenriss ins Gegenlicht stellt – ein Schatten, der den Jüngern so fremd ist, dass sie Jesus darin zunächst nicht erkennen. Ein Schatten und zugleich das Symbol einer Epoche, der alles Vertraute fremd wird.

Dieses Fremdheitsgefühl schleicht sich dann weiter durch die Jahrhunderte, bis zu Goya, Menzel, Valloton, und scheint erst wieder aus der Kunst zu weichen, als die Impressionisten den Schatten neu entdecken: als Flächen voller Farbe, dunkler zwar, doch niemals schwarz. Selbst den harten Schattenriss seiner Großmutter füllt Edouard Vuillard mit grünen, beige, gelben Pünktchen.

Die Künstler der Moderne emanzipieren sich von der Macht des Schattens, sie machen sich von seinen Regeln frei. Zerstäuben ihn, lassen ihn über die Bildfläche tanzen oder ziehen ihn unerbittlich in die Länge, so wie viele der Surrealisten.

Selbst die Fotografie, die in Madrid ebenfalls zu sehen ist, treibt ihr Spiel mit den Schatten, etwa auf Bildern von Francesc Català-Roca. Dort blicken wir aus einem Hochhaus hinab in die Tiefe, und es ist, als gingen unten auf dem Bürgersteig ein paar Schatten mit ihren Menschen spazieren. Alles, was wir sehen, sind Schädeldecken und auf dem Pflaster lang gestreckte Silhouetten.

So reich und vielfältig dieser Glücksfall von einer Ausstellung aber ist, eines fehlt doch: die Gegenwart. Nur ein paar Alibikünstler sind vertreten, ansonsten scheint die Gegenwartskunst furchtbar schattenscheu zu sein. Und wirklich, sie ist es: Wie den Altmeistern Dürer und Leonardo ist vielen Künstlern von heute das Hell-dunkel-Spiel unangenehm – zu verwickelt, zu metaphysisch, zu altmeisterlich. Schattenphobie, auch dort.

Wer allerdings die Ausstellung besucht hat, wird nicht anders können, als künftig alles Streulicht zu meiden. Sie ist eine Ermutigung: sich einzulassen auf das Flüchtige, das Unbeherrschbare. Eine Einladung, das Licht hinter sich zu lassen und begeistert einzutreten ins Reich der Schatten.