Das Herz der Karls-Universität schlägt im Hinterhof, versteckt in einem Gewirr von Gassen mitten in der Prager Altstadt. Es ist dezent gesichert mit einer Videokamera, hinter der sich das Reich von Michal Svatoš öffnet – das Archiv der Universität, das einer gewaltigen Zeitmaschine gleicht. Um sieben Jahrhunderte kann es die Zeit zurückspulen, vorbei am früheren Prager Professor Albert Einstein und dem böhmischen Reformator Jan Hus bis hin zu Karl IV. Es ist die Geschichte eines wichtigen Teils der abendländischen Bildung, die hier bei konstanter Luftfeuchtigkeit verstaubt; die Geschichte der ältesten Universität im deutschsprachigen Raum.

Zwischen all den alten Bullen, Dekreten und Thesenpapieren ist der Schreibtisch von Michal Svatoš kaum zu sehen. Sein kleines Büro ist überladen mit Büchern, die Wände sind bis hoch zur Decke mit Regalen zugestellt, und auf der Tischplatte stapeln sich Papiere. Die Möbel sind allesamt Antiquitäten, so wie heute wird es auch schon vor 100 Jahren ausgesehen haben hier in der kleinen Kammer neben dem Archiv. "Die Karls-Universität", sagt Svatoš, "hat die ganze Region in Mitteleuropa geprägt." Seit mehr als 35 Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte seiner Hochschule, die eine ganze Mannschaft an Forschern aufbietet, um die eigene Tradition zu durchforsten. Für die Uni ist das Wissen um die glorreiche Vergangenheit ein entscheidendes Kapital: Seit der politischen Wende steht sie plötzlich wieder im akademischen Wettbewerb, sie muss sich neu orientieren. Deshalb ringt sie derzeit mit den Lasten des Massenbetriebs, mit dem Erbe der sozialistischen Bildungspolitik und dem Anspruch auf elitäre Höhenflüge, zu dem allein schon ihre Vergangenheit verpflichtet.

Die Patina des Sozialismus ist in einigen Ecken noch da

Das alles merken die Studenten in ihrem Alltag: Wer an der Karls-Universität studiert, für den ist das eine Auszeichnung. In Tschechien, aber auch in der benachbarten Slowakei gilt die Prager Universität als die eine Akademie schlechthin, die alle anderen Unis in die Regionalliga verweist. Und es ist auch die modernste unter den Hochschulen des Landes: Aktuelle Computertechnik und neue Labors sind allenthalben zu finden, aber noch schaffen sie es nicht ganz, die Patina des Sozialismus zu verdrängen. An den historischen Gebäuden blättert oft noch der Putz, die Treppenhäuser sind seit Jahrzehnten nicht renoviert worden. Und auch die Budgets für Forscher wirken wie von gestern: Ein gestandener Professor verdient in Tschechien weniger als 1000 Euro im Monat. Die Gehälter im öffentlichen Dienst zählen im ganzen Land zu den magersten, und den Universitäten fehlt es am Geld, um die Gehälter aus dem eigenen Budget aufzustocken. "Wer hier unterrichtet", sagt einer der Wissenschaftler, "der hat entweder nichts anderes gefunden – oder er brennt einfach für seine Arbeit."

In den nächsten Jahren wird sich aber auch das auf westliches Niveau einpendeln, da sind sich alle Tschechen sicher. Und ohnehin ist gerade in Prag die Tätigkeit an der Universität eher Berufung als Beruf. "Hier in der Universität", sagt Chefhistoriker Michal Svatoš, "spiegelt sich die ganze europäische Geschichte seit dem Mittelalter wider." Er sagt es mit einem stolzen Blick, denn für die Tschechen ist ihre Universität ein nationales Symbol: Als Karl IV., böhmischer König und später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Jahr 1348 die Akademie gründete, war es die erste Universität nördlich der Alpen und östlich von Paris. Unterrichtssprache war Latein, die Studenten kamen aus Bayern, aus Sachsen, Böhmen, Mähren oder Schlesien. Später wurde die Universität ebenso wie der Rest Europas in religiösen Konflikten zwischen Reformern und Traditionalisten aufgerieben, sie geriet unter österreichisch-ungarischen Einfluss und stand im 19. Jahrhundert wegen des aufkeimenden Nationalstaatsgedankens an der Frontlinie im Kampf zwischen Deutschen und Tschechen. 1882 führte das sogar zur Spaltung der Hochschule – in einen deutsch- und einen tschechischsprachigen Teil, beide mitten in Prag.

Die Karls-Universität von heute wirkt an einigen Stellen wie ein Freilichtmuseum, das mitten in der tschechischen Hauptstadt gelandet ist. Draußen strömen die Touristen vorbei auf ihrem Weg vom Altstädter Ring hinüber zum Pulverturm, die Blicke nach oben auf die prachtvollen Barockfassaden gerichtet und zu beiden Seiten der Gasse auf die Schaufenster, in denen die kitschigsten Vasen aus böhmischem Kristall ausgestellt sind. Der Eingang zum Karolinum, zum historischen Kern der Universität, bleibt für alle verschlossen, die nicht nach ihm suchen: Nur ein unscheinbares Messingschild kündet von einer der ältesten Universitäten Europas. An der schweren Holztür gleich daneben prallt der touristische Trubel ab, im Innern herrscht Stille. Hier ist der Eingang zu einem Komplex, der einen ganzen Straßenblock umfasst und so verzweigt ist, dass selbst Eingeweihte sich noch verlaufen. Dicht an dicht sind die historischen Gebäude aneinandergefügt, schmale Wege führen durch den Innenhof zu immer neuen Eingängen. Ein Kreuzgang ist noch erhalten mit seinem ursprünglichen gotischen Gewölbe, und dort oben, hinter den Fenstern, liegt die große Aula mit ihrem historischen Gobelin. Ein Stückchen weiter ist der berühmte Vaterlandssaal untergebracht und im Erdgeschoss der Kaisersaal. In einem der Kellergeschosse unter dem Komplex liegt feuerfest verstaut die Gründungsurkunde von Karl IV., dem großen Herrscher des Heiligen Römischen Reichs. Draußen vor der Tür des Komplexes steht die riesenhafte Statue von Jan Hus, dem böhmischen Reformator, der auch Professor und Uni-Rektor war. Hier, mitten in der Altstadt, präsentiert sich die Karls-Universität mit ihrer gesammelten historischen Wucht.