Sie ist gerade von einer Auslandsmission zurückgekehrt, woher, das darf Gloria Atiba-Davies nicht sagen. Keine Namen, keine Orte, keine Details aus den Ermittlungen dürfen an die Öffentlichkeit dringen. Zeugenschutz habe oberste Priorität, sagt sie, schließlich ermittle man in Kriegsgebieten gegen Verdächtige, die sich rächen könnten.

Gegen Omar al-Baschir zum Beispiel, verdächtig des Völkermordes in Darfur. In wenigen Tagen werden die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs über einen Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten entscheiden. Dann wird die Ermittlerin Gloria Atiba-Davies wissen, ob ihre Arbeit erfolgreich war, ob sich die Suche nach Beweisen und die unzähligen Gespräche mit Überlebenden gelohnt haben. Man habe sich das, sagt Atiba-Davies, ungefähr so vorzustellen: acht, neun Stunden im Geländewagen über Schotterpisten zu einem Flüchtlingslager im Tschad, Zelte aufbauen, Kameras, Funkgeräte, Laptops auspacken. "Wir kommen von einem Strafgerichtshof aus Den Haag", erklärt sie den Flüchtlingen, man sammele Beweise für die Verbrechen, die sie erlitten hätten, man wolle die Täter vor Gericht stellen. "Wo sind eure Polizisten?", fragten dann die Leute.

"Wir haben keine."

"Und ihr wollt alle Täter vor Gericht stellen?"

"Nein, nur die Hauptverantwortlichen."

"Die sperrt ihr dann ein?"

"Vielleicht. Das hängt von den Richtern ab."

"Und die Angriffe auf unsere Dörfer hören dann auf?"

"Das liegt nicht in unserer Macht."

"Werdet ihr uns helfen, unsere Häuser wieder aufzubauen?"

"Tut uns leid, aber dafür sind wir nicht zuständig."

So begann die Suche nach Zeugen im Fall Omar al-Baschir. Mitten in einer Wüstenlandschaft erklären verschwitzte Ermittler und Übersetzer den Opfern eines Menschheitsverbrechens die Tücken der internationalen Strafjustiz: dass es nicht in der Macht des Gerichtshofs steht, den Krieg zu beenden, dessen Verbrechen er ahnden soll. Dass ein Gerichtsprozess Jahre dauern kann. Dass Angeklagte manchmal freigesprochen werden, dann, wenn die Beweise nicht ausreichen. Bei 45 Grad im Schatten auf Arabisch die Grundzüge der Unschuldsvermutung zu erklären erfordert ein gewisses Maß an Stoizismus. "Das ist der verzwickte Teil der Arbeit", sagt die 53-jährige Gloria Atiba-Davies in ihrem Haager Büro. "Als Erstes müssen wir immer die Erwartungen der Opfer dämpfen. Die Leute denken, wir können Wunder vollbringen."