Dublin - Der Wirt von Reilly’s Pub in der Lower Merrion Street von Dublin wartet neuerdings am Freitagabend verdächtig lange auf seine Stammkundschaft. Einige der Beamten aus dem Finanzministerium gleich nebenan schieben sich erst weit nach neun Uhr durch die Eingangstür der holzgetäfelten Eckkneipe. Sie lockern die Krawatten, bestellen ein Feierabendbier und sagen Sätze wie: "Junge, die Entfernung zwischen Irland und Island sollten wir vielleicht besser in Wochen berechnen als in Meilen."

Irland erlebt den gefühlten Untergang. Jahrzehntelang profitierte die Iren vom Besten beider Wirtschaftswelten; von fantastischen US-Direktinvestitionen und von scheinbar endlos sprudelnden EU-Subventionen. "Wirtschaftspolitisch sahen wir uns in der goldenen Mitte zwischen Boston und Berlin", sagt ein Finanzbeamter. Doch der Flug des Ikarus, jahrelang zu messen in zweistelligen Wachstumsraten und den teuersten Ladenmieten Europas, führte zu nah an die Sonne. Jetzt zerrieselt der Wohlstand der Iren zu Asche. Die Immobilienblase ist geplatzt, viele Banken sind pleite, und die Arbeitslosigkeit hat sich innerhalb eines Jahres auf 8,4 Prozent beinahe verdoppelt. Die Wirtschaft könnte nach jüngsten Prognosen in diesem Jahr um sechs Prozent schrumpfen und das Haushaltsdefizit das europäische Rekordmaß von zehn Prozent erreichen.

"Wir stehen unter Schock", sagt der Schriftsteller Hugo Hamilton. "Ich habe von Leuten gehört, die in den Schlafzimmern ihrer Kinder Reissäcke horten. Eine Mutter hat ihre Teenagersöhne sogar zum Löchergraben in den Garten geschickt, als Art Überlebenstraining." Die bürgerlich-grüne Regierung suche zwar krampfhaft nach Lösungen aus der Krise, verliere aber in jeder Umfrage mehr Vertrauen. Die Zustimmung zur ehemals stärksten Partei, Fianna Fáil, ist binnen Jahresfrist um 20 Prozent abgerutscht. "Es wäre gut", fasst Hamilton zusammen, "wenn uns Europa jetzt etwas Führung bieten würde."

Europa allerdings erwartet umgekehrt erst einmal mehr Verantwortungsgefühl und Solidarität von den Inselbewohnern. "Ich würde der irischen Regierung dringend raten, ihre Bevölkerung vom EU-Lissabon-Vertrag zu überzeugen", sagt Martin Schulz, der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Tatsächlich empfinden immer mehr Iren Scham darüber, dass sie im vergangenen Jahr auf dem Wege der Volksabstimmung Nein zu dem großen Reformwerk gesagt haben. Zwar hätte der Lissabon-Vertrag die Krise kein bisschen abgemildert. Aber den Iren geht es jetzt vor allem um ein wärmendes kontinentales Gemeinschaftsgefühl.

Der Finanzminister zählt zu den meistgehassten Politikern auf der Insel

"Wir denken gerade über einen griffigen Slogan für das zweite Referendum nach", sagt der irische Finanzminister Brian Lenihan. "Ein Vorschlag lautet: Lieber Rom als Reykjavík." Immerhin, der Humor ist dem Mann noch nicht vergangen. Dabei zählt er neben Premierminister Brian Cowen zu den derzeit meistgehassten Politikern auf der Insel. In dieser Woche will Lenihan eine Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst um 6,5 Prozent durchsetzen. Und die, sagt er, sei nur die erste bittere Pille, die das Volk zu schlucken habe. "Kein Truthahn mag Weihnachten", sagt Lenihan. "Aber wir haben keine Wahl. Wir sind Teil des Euro-Raums, und wir wollen es bleiben. Bis zum Ende der Legislaturperiode 2012 haben wir Zeit, das Erforderliche zu tun, um unsere Kreditwürdigkeit wiederherzustellen."

So lange will ein großer Teil der Iren die derzeit Herrschenden aber nicht mehr ertragen. Im ehrwürdigen Pfeifenladen Peterson’s gegenüber dem Trinity College sorgt ein älterer Herr mit Tweedmütze am Samstagmorgen vor. "Gib mir mal noch ein paar Packungen Tabak, bevor hier die Revolution ausbricht", bittet er den Mann hinterm Tresen. Tatsächlich füllen sich eine halbe Stunde später die Hauptstraßen der Innenstadt mit rund 120000 zornigen Bürgern. Angestellte des öffentlichen Dienstes aus allen Teilen des Landes haben zur Demonstration gegen die Regierung aufgerufen, selbst Polizisten marschieren mit. Die klagenden Laute irischer Dudelsäcke wehen durch die Stadt, geblasen vom nationalen Feuerwehrcorps. "Unsere Ersparnisse sind weg, unsere Häuser sind wertlos!", zürnen die Demonstranten. Und warum? "Weil diese Regierung in der Keltischer-Tiger-Zeit nichts gespart hat. Jetzt muss sie die Rentenkasse plündern", empört sich ein Gewerkschafter.