Am Samstagmittag steht Steffen Kampeter vor einem Hoteleingang in einer kleinen Stadt in Deutschland. Das Hotel liegt am Marktplatz, hinter dem haushaltspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion steht eine Schiefertafel, auf der als Tagesangebot "Exotic-Torte" angepriesen wird. Es ist eine idyllische Szene, in einem Deutschland wie aus dem Märklin-Eisenbahnkatalog. Kampeter gibt ein Interview zur Opel-Krise, erklärt, warum der Konzern und nicht der Staat einen Rettungsplan erarbeiten müsse. Vor der Krise hatte er für Reden, in denen es um Finanzpolitik ging, immer einen Zettel dabei. Auf dem hatte er Vergleiche aufgelistet, die veranschaulichen sollten, wie unglaublich viel Geld eine Milliarde Euro ist. Wie viele Stunden ein Durchschnittsverdiener dafür arbeiten muss, stand da zum Beispiel drauf. Den Zettel benutzt er nicht mehr. Eine Milliarde Euro ist kein Maßstab mehr, genauso wenig wie Kampeters politische Überzeugungen. Märklin-Land ist abgebrannt.

Es ist ein Dienstag im November vergangenen Jahres, als der Haushälter Kampeter im Bundestag hinter das Rednerpult tritt und jene Sätze sagt, über die er heute nur müde lächeln kann: "Wir machen mit diesem Bundeshaushalt höhere Schulden, als wir ursprünglich geplant haben, und zwar acht Milliarden Euro mehr. Das ist für einen Haushälter keine leichte Entscheidung, sie bereitet mir innerliche Schmerzen." Nicht einmal 100 Tage sind seitdem vergangen, und doch klingen seine Worte wie aus einer anderen Zeit. Mittlerweile ist Schuldenmachen eine alltägliche Begleiterscheinung der Krise geworden, fast selbstverständlich hantiert die Bundesregierung mit Summen im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Einer, der schon bei acht Milliarden Euro Schmerzen bekommt, ist da nicht mehr zeitgemäß, oder, Herr Kampeter? "Ich bin sicher, dass am Ende der Krise eine Rückbesinnung auf Bewährtes stehen wird. Dann wird der Buchhaltertyp, der Erbsenzähler wieder gefragt sein", sagt Kampeter. Einer wie er.

Kampeter spricht lieber über das Danach als das Jetzt. Schließlich hat die "doofe Krise" – er sagt tatsächlich "doof" – ihn um den sicher geglaubten Erfolg seiner politischen Arbeit gebracht. Am Ende dieser Legislaturperiode sollte eine Haushaltspolitik stehen, die dem Staat ermöglichte, künftig ohne neue Schulden auszukommen. Es wäre das Verdienst der Großen Koalition gewesen, zu dem er, Steffen Kampeter, Chef-Haushälter der Union, maßgeblich beigetragen hätte. Er, der Zahlenmensch, wäre dann eine große Nummer gewesen.

Wie rechtfertigt einer, der all seinen politischen Instinkten nach Sparfuchs, Konsolidierer, Konjunkturprogramm-Verächter ist, eine Politik, die allem widerspricht, wofür er eingestanden ist? "Es gehört zur Demokratie, sich der Mehrheit zu beugen", sagt er. Wirklich? "Was wären denn meine Handlungsoptionen? Aussteigen? Damit würde ich doch den Schuldenpolitikern einen Gefallen tun." Vor allem aber würde es das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Seit 19 Jahren sitzt Steffen Kampeter bereits im Bundestag, hat die weniger guten Zeiten mitgemacht, in denen sich die CDU mit der Oppositionsrolle begnügen musste. Er hat durchgehalten, sich hochgearbeitet, seit 2005 ist er finanzpolitischer Sprecher. Doch dann kam die Krise, und plötzlich waren solide Buchhaltertypen wie er nicht mehr gefragt. Und so hat er sich darauf verlegt, seinen Erfolg nicht mehr an dem zu messen, was er erreicht, sondern an dem, was er verhindert.

In der Fraktion hat er Widerstand gegen das Konjunkturpaket II organisiert, die Zustimmung von der Einführung einer Schuldenbremse abhängig gemacht. Vor wenigen Tagen haben er und der Haushaltsausschuss 800 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket sperren lassen. Er habe den Verdacht, dass manche Länderchefs das Paket als Umschuldungsprogramm nutzen. "Da haben wir jetzt den Bundesrechnungshof drangesetzt." Es scheint, als habe die Krise Kampeter, der bisher wegen seiner Sachlichkeit von der Bundeskanzlerin geschätzt wurde, zu einem Querulanten gemacht. In der Union nennen sie ihn mittlerweile den Oberquengler. Kampeter erzählt das mit fast trotzigem Stolz.