Der Junge, der auf Eiswürfeln schlief

Kit Armstrong ist ein besonderer Pianist. Besonders müssen alle Pianisten sein, die es in der Klassikbranche zu etwas bringen wollen: besonders virtuos oder besonders musikalisch, besonders exzentrisch oder besonders jung – und am besten alles zugleich. Aber Armstrong hat etwas, das sonst keiner hat: einen emphatischen Fürsprecher, Alfred Brendel. Der saß im vergangenen Jahr bei seinem Bühnenabschiedsinterview mit der ZEIT in seinem Londoner Arbeitszimmer und schwärmte in den höchsten Tönen von einem jungen Amerikaner taiwanesischer Abstammung, den er in seine Obhut genommen habe. Eine "außerordentliche Vielfachbegabung" sei ihm da untergekommen, einer, der ein ganz Großer zu werden verspreche. Brendel sprach – ganz gegen seine skeptische Art – von einem "richtigen Wunderkind". Wer daraufhin den Namen Kit Armstrong auf YouTube im Internet eingab, entdeckte ein Video, das den Auftritt eines asiatischen Knaben in der Late-Night-Show von David Letterman zeigt. Ein zehnjähriger Knirps führt da in weißem Hemd und roter Fliege, umjubelt vom Studiopublikum, ein selbst komponiertes Stück vor. Wer also ist dieser Kit Armstrong, der laut Brendel inzwischen die Reife besitzt, die internationalen Konzertpodien zu erobern?

Vergangene Woche debütierte er in Hannover und Hamburg, weitere Auftritte in Deutschland werden im Verlauf des Jahres folgen. Hemd und Fliege aus der Kinderstargarderobe trägt er immer noch, wenn er mit leicht roboterhaften Bewegungen an den Flügel tritt. Kit Armstrong sieht aus wie zwölf, obwohl er bald seinen 17. Geburtstag feiert und bereits ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Musik und Mathematik hat. Wundersame Geschichten gibt es viele über ihn. Die erste erzählt seine Mutter schon beim Smalltalk vor dem eigentlichen Interviewtermin. Ihr Sohn, der in Kalifornien aufgewachsen ist, habe nichts gegen das nasskalte Hamburger Wetter, sagt sie, er liebe es kühl. Als Kit im Kleinkindalter fieberte, füllte Frau Armstrong eine Gummiwärmflasche mit Eiswasser und schob sie dem Jungen unter den heißen Kopf. Das tat ihm so wohl, dass er von da an jeden Abend nach der Kühlung verlangte. Bis ins Teenageralter bettete Kit sein Haupt nicht wie andere Menschen auf einem weichen Kissen, sondern auf geschmolzenen Eiswürfeln. Ihre Freunde, sagt Frau Armstrong, hätten die Sache immer damit erklärt, dass das Gehirn des Jungen ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse.

Als Kindergartenkind las er über Musik – und fing an zu komponieren

Frau Armstrong, eine Investmentbankerin, hat ihr einziges Kind allein großgezogen und ihr Leben auf die Erfordernisse eines Hochbegabten abgestimmt. Als Kit in die Grundschule kam, peilte er parallel dazu schon den Highschool-Abschluss an und war schließlich mit sieben Jahren der Jüngste, der jemals als Student an der Chapman University of California aufgenommen wurde. Ganze Tage, sagt die Mutter, habe sie in ihrem Volvo auf den Freeways mit Taschen voller Lunchpakete zwischen den Unterrichtsorten zugebracht. Der Sohn hört den Geschichten schweigend zu. Man kann an seinem Gesichtsausdruck nicht erkennen, wie sehr ihn solche Gespräche interessieren. Nur ab und zu korrigiert er ein Detail in den Formulierungen der Mutter. Am Tisch des Thairestaurants hat er sofort die kunstvoll in Form einer Seerose gefaltete Stoffserviette auseinandergenommen und auf dem Tisch glatt gestrichen. "Hast du’s?", fragt die Mutter, der Sohn nickt. Es geht um die Faltstruktur. Kit ist ein Meister des Origami, der japanischen Kunst des Papierfaltens. Den komplexen Bauplan für das Origami-Huhn, das seine Internetseite ziert, hat er sich selbst ausgedacht. 40 Minuten soll es dauern, bis das Tier fertig gefaltet ist.

Wer den Armstrongs gewöhnliche Fragen stellt, darf nicht mit gewöhnlichen Antworten rechnen. Wie kam Kit zur Musik? Als Kindergartenkind wühlte er sich lesend durch dicke Enzyklopädien und begann zu komponieren aufgrund der Informationen in einem Kapitel über Musik. Ein halbes Jahr später kaufte die Mutter ein Klavier, von dem das Kind nicht mehr wegzukriegen war. Gab es musizierende Verwandte oder prägende Konzerterlebnisse? "Wir hatten nicht einmal einen CD-Spieler", sagt Frau Armstrong. "Ich glaube, das erste Konzert, das ich besucht habe, war mein eigenes", sagt der Sohn.

Der Junge, der auf Eiswürfeln schlief

Für Kit scheint es im Aneignen von Fähigkeiten nur eine Richtung zu geben – hinab in die Tiefe, ins Supergenaue. Schwindelnd blickt man in die Schächte des Spezialwissens, die er sich gegraben hat. Die Kulturstätten Europas ist die Mutter in klassischer Wunderkindbildungstradition mit ihm abgefahren. "Weißt du noch, das schöne Wagner Museum in Bayreuth?", fragt Frau Armstrong. Kit: "Ich habe keine Erinnerung. Ich kann mir nur merken, was mich interessiert." Zwei Hühner hat er bis vor einem Jahr als Haustiere besessen, das eine hieß Nitrogen, das andere Carbon. Kit interessiert sich für Chemie.

Am Abend, im Konzert, erfährt man dann, worauf das ungewöhnliche Brendel-Lob musikalisch gründet: Kit Armstrong spielt Bach, Mozart, Debussy und Mendelssohn. Keine einzige der Klavierzirkusnummern hat er im Programm, mit der Jungstars sonst so gern reüssieren. Sein Bach-Spiel ist von kristalliner Klarheit und gedankenhell im Erfassen der polyfonen Strukturen. Wie eine kostbare Mineraliensammlung breitet er die dreistimmigen Inventionen aus, hier die Linien kantenscharf herausstellend, dort auf ein überraschendes Farbprisma verweisend. Armstrong scheint mehr für sich selbst zu spielen als für das Publikum. Das Bühnentier in ihm ist noch nicht erwacht, wenn es denn überhaupt in ihm schlummert. Beim Applaus zielt sein scheues Kinderlächeln über die Stuhlreihen hinweg ins Leere.

Der gefräßige Markt schnappt schon nach dem leckeren Wunderkind

Armstrongs Spiel gleicht eher einem Teilhabenlassen am Denken in Tönen als einer temperamentsprühenden Aufführung. Freilich blitzgescheit und von großer Einlässlichkeit ist dieses Denken. Jeder Satzcharakter, jeder Tempowechsel, jeder Phrasierungsverlauf scheint dem Interpreten präzise vor Augen zu stehen, bevor er ihn ausformuliert. Jede Pointe sitzt, und die Finger laufen sowieso mit virtuoser Selbstverständlichkeit. Für Mozarts D-Dur-Sonate KV 576 hat er ein bisschen zu lange auf den Eiswürfeln gelegen. Sie klingt noch zu unpersönlich, wie mit dem Lineal gezogen. Und sein eigenes Stück Message in a Cabbage ist nicht viel mehr als neoklassizistische Formspielerei, ein Malen nach den Zahlen, die der Jungkomponist ausgetüftelt und raffiniert ineinander verschachtelt hat. In den Images von Debussy war hingegen schon eher zu vernehmen, dass da ein Interpret heranwächst, der sich von den Noten zu lösen vermag und mit Fantasie abhebt.

Reicht das für eine Superstarkarriere? Armstrongs Management und Alfred Brendel fürchten nichts mehr als das. Langsam wollen sie ihr Talent aufbauen; keinesfalls soll es mit Gel in den Haaren in den Freiluftarenen enden wie Lang Lang. Aber beim Konzert im Hamburger Bechstein Centrum war schon zu spüren, wie der Markt sein gefräßiges Maul aufzusperren und nach dem Leckerbissen zu schnappen beginnt. Die ersten Festivalintendanten waren ebenso anwesend wie die Schallplattenscouts, und die Sensationsjournalisten haben sich die Sprüche vom "Mozart des 21. Jahrhunderts" längst parat gelegt. Zu abenteuerlich ist diese Lebensgeschichte und zu gut sein Klavierspiel, als dass Kit Armstrong unbeachtet bleiben könnte. Vielleicht wird er über den Ansturm mit seinem exzentrischen Gleichmut triumphieren. Vielleicht wird er in falsche Hände geraten und untergehen, bevor er groß herausgekommen ist. Ein besonderer Pianist ist Kit Armstrong allemal.

Der Junge, der auf Eiswürfeln schlief

Das Essen sei ihm wichtig, hat er im Restaurant erzählt. Eine große Mahlzeit brauche er vor jedem Konzert und eine danach. Es war die einzige Auskunft, die er im ganzen Gespräch ungefragt erteilt hat. Immerhin: Das Wunderkind isst – eine gute Grundlage für alles, was nun kommt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio