Doch, es gibt auch Gutes über Erika Steinbach zu sagen. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen hat, zum Beispiel, die übelsten Revanchisten in ihrem Verband zum Schweigen gebracht, was keine geringe Leistung war. Sie hat Signale der Verständigung nach Polen gesandt, etwa mit einer Veranstaltung zum Gedenken an den Warschauer Aufstand 1944. Ihr ist es gelungen, auch prominente Sozialdemokraten wie den verstorbenen Peter Glotz oder Otto Schily für ihr wichtigstes Anliegen zu gewinnen, die Einrichtung einer Dauerausstellung, die an das Elend, an die Ursachen und Folgen der Massenvertreibungen am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern soll. Dass es diese Dauerausstellung nun tatsächlich geben wird, dass sich die Große Koalition im vergangenen Jahr darauf verständigt hat und dafür sogar die Duldung Polens gewinnen konnte – all das ist ohne das bohrende Engagement Erika Steinbachs kaum zu denken.

Warum also macht sie diese Erfolge jetzt zunichte, indem sie darauf beharrt, einen Sitz im Stiftungsrat der geplanten Ausstellung zu bekommen? Was treibt die Vertriebenen-Präsidentin, in weniger als zehn Tagen zu ruinieren, was sie in den vergangenen zehn Jahren erreicht hat? Warum bricht sie mit Attacken gegen Frank-Walter Steinmeier und Gesine Schwan die Brücken zur Sozialdemokratie wieder ab? Und, das allergrößte Rätsel, warum bringt sie ausgerechnet die Kanzlerin, die ihr doch stets Unterstützung gewährt hatte, in die hässliche Lage, entweder die Vertriebenenverbände oder die polnische Regierung verprellen zu müssen?

Eine simple Antwort würde lauten: Weil Erika Steinbach eben doch so ist, wie ihre Kritiker es ihr immer vorgeworfen haben, eiskalt, machtgierig, unbelehrbar. Alle Geschmeidigkeit, die sie in den zurückliegenden Jahren gezeigt hat, wäre demnach nur Taktik und Täuschung gewesen, nun komme ihr wahres Gesicht zum Vorschein. Und diese Steinbach ist außerstande, so ginge die Erklärung weiter, Souveränität zu beweisen und auf einen persönlichen Vorteil zu verzichten, um ihr Lebenswerk zu vollenden.

Weiter als derartige Lehnstuhlpsychologie führt jedoch die Analyse der Lage, in der sich die Vertriebenenverbände befinden. Und die sieht nicht gut aus. Was Erika Steinbach, die professionelle Politikerin, stärker beeinflussen dürfte als ihre Seelenlage.

Je älter die Bundesrepublik wird, je weiter das Leid der Vertreibung aus der individuellen Erfahrung zurücktritt und zum Gegenstand der historischen Erinnerung wird, desto schwächer wird die politische Legitimation des BdV. Je einsamer zudem die konservativen Kräfte in der auf eine unbestimmte Mitte gepolten Merkel-CDU werden, desto geringer wird dort auch der Einfluss der Vertriebenenverbände. Und je enger die europäische Zusammenarbeit wird, desto störender wird das Beharren auf national-partikularen Empfindlichkeiten.