Was ist der Unterschied zwischen Roger Kusch und einer Prostituierten? Es gibt keinen, jedenfalls gewerberechtlich betrachtet. Kuschs umstrittene Sterbehilfe, so sieht es das Hamburger Verwaltungsgericht, sei ähnlich "sozial unwertig" wie die "Kommerzialisierung der Sexualität". Und auch sonst ließ die Entscheidung, mit der das Gericht Anfang Februar eine Verfügung der Polizei bestätigte, die dem ehemaligen Justizsenator der Hansestadt Suizidhilfe untersagt, an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Von einem "Dienstleistungspaket", mit dem Kusch "sich an jeden wendet, der sein Leben beenden möchte", ist auf den 23 Seiten die Rede und sogar von finanziellen Interessen: "Der Antragsteller handelt auch mit Gewinnerzielungsabsicht." Kurz: Kusch "widerspricht dem Menschenbild des Grundgesetzes", indem er "mit dem Suizid und dem Leid von Menschen Geschäfte" macht.

Nun, zwei Wochen nach dem Hamburger Entscheid, verkündete der bisweilen wie ein Dämon wirkende Suizidbegleiter in dürrer Dienstleister-Rhetorik per Interview seine Aufgabe: "Ich biete das nicht mehr an." Fünf Menschen hat Roger Kusch seit vergangenem Sommer dazu verholfen, mithilfe von Medikamenten aus dem Leben zu scheiden. Für den Provokateur aus Hamburg-St. Georg waren sie offensichtlich bloß Mittel zum Zweck seiner immer weiter ausufernden Mission, unheilbar Kranke vor einem Sterben ohne Würde zu bewahren. Nur wer schockiere, bringe Bewegung in das Thema, so die verquere Logik des "Dr. Tod". Gesprächsvideos mit den Verstorbenen kurz vor deren Tod – sie waren nicht unheilbar krank, sondern lediglich lebensmüde – stellte Kusch ins Internet. Als die Polizei nach einer Wohnungsdurchsuchung im Begriff war, eine 97-Jährige aufzusuchen, flüchtete er mit der Seniorin Ende November für deren Suizid in ein Hotelzimmer im Ruhrgebiet. Auch in diesem Fall kassierte Kusch 6500 Euro für sein Bemühen.

Der jetzt angekündigte Rückzieher überrascht auf den ersten Blick. Hatte der Ex-Senator nicht immer getönt, er wolle bis zur höchsten Instanz gehen, um sein Anliegen zu klären? Und hatte er nicht am Tag der Hamburger Gerichtsentscheidung frohlockt, die erste Instanz habe "das Recht auf Suizid anerkannt" (alles andere wäre auch eine Sensation gewesen)?

Nein, der Studienfreund von Bürgermeister Ole von Beust bleibt sich weiter treu in seiner Selbstinszenierung. Kusch geht es vor allem um Kusch. Schrille Töne sind bei ihm in unzähligen Varianten Programm. So posierte er für ein Foto 2004 im Wohnzimmer vor einem Nacktdruck, für den sich der damalige CDU-Spitzenpolitiker komplett ausgezogen hatte, um seinen mit Farbe bestrichenen Körper in einem Leinwandabdruck zu verewigen.

Ist sein Weg aber offensichtlich erfolglos, wählt der geschmeidige Rechtspopulist gern auch mal den schnellen Abgang. So etwa im Frühjahr 2006, als er nach dem Rausschmiss aus dem Beust-Senat hastig seine Partei HeimatHamburg rechts der CDU gründete. Der Versuch, Erfolg wie weiland Ronald Schill zu haben, scheiterte im Februar vergangenen Jahres kläglich mit 0,5 Prozent der Wählerstimmen. Kusch verließ seine Truppe Knall auf Fall wie zuvor nach 34 Jahren Mitgliedschaft bereits die CDU, die Splittergruppe löste sich auf.

Die Auszeichnung, Kuschs Treiben erneut gestoppt zu haben, dürften sich nach den Hamburger Wählern jetzt die Hamburger Richter anheften. Vor allem ihre bemerkenswerte Entschiedenheit wird den bei aller äußerlicher Irrationalität kühl kalkulierenden Juristen bewogen haben einzulenken. Die mediale Inszenierung von Sterbehilfe, um die es Kusch offensichtlich mehr ging als um die Sache selbst, dieser Suizidspuk scheint damit gebannt. Doch wird er sich an seine Ankündigung auch halten? Und was dürften die Familien der fünf Suizidenten denken angesichts der Sprunghaftigkeit der Überzeugungen des Sterbehelfers? Es war halt so eine Idee von ihm?

Kuschs erstaunliche Karriere, die die Bild- Zeitung einmal "so makellos wie ein Taufkleid" nannte, steckt wieder in der Sackgasse. Dem ehemaligen Jugendrichter, Rechtsreferenten der Union im Bundestag, Leiter des Referats Innere Sicherheit im Kanzleramt und Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof bleibt die Zulassung als Anwalt. Falls der Mann, der stets betonte, wie streng er sich bei seinem Tun an geltende Gesetze halte, nicht verurteilt werden sollte, weil er Sterbewilligen illegal Medikamente zum Suizid verschafft hat. "Sehr viel spricht dafür, dass er die erforderlichen verschreibungspflichtigen Mittel selbst beschafft", schreiben die Verwaltungsrichter und stützen damit indirekt die Hamburger Polizei, die wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz ermittelt.