Von einer parasitären Brackwespe als Leihmutter auserkoren zu sein ist kein erstrebenswertes Schicksal für eine Raupe. Die Wespe sticht zu, dann legt sie ihre Eier in der Raupe ab. Der so abgelegte Nachwuchs verbringt die nächsten Stadien seiner Entwicklung wohlbehütet im Körper der Raupe, während diese von ihren Untermietern bei lebendigem Leib ausgesaugt wird. Dass sich das Immunsystem der Raupe nicht dagegen wehren kann, liegt am Gift der Wespe. Es enthält virale Teilchen, die die Zellen der Raupe befallen; so manipuliert die Übeltäterin den Raupenorganismus. Jetzt haben französische Forscher herausgefunden, wie die Wespe zu ihrer biologischen Waffe kam: Sie hat vor Urzeiten ein Virus domestiziert.

Schon vor 40 Jahren stellten Wissenschaftler fest, dass das Gift der Brackwespe Teilchen enthält, die wie Viren aufgebaut sind. Weil sie mehrere DNA-Stränge aufweisen, taufte man sie Polydnaviren. Aber die Einordnung als Virus blieb stets umstritten, denn die DNA stammte hauptsächlich von der Wespe selbst. Zudem fehlte den "viralen Teilchen" der für Viren typische Mechanismus zur Selbstvervielfältigung.

Die Insektenforscher von der Universität Tours haben die Frage nun geklärt ( Science , Bd. 323, S. 926). Sie analysierten DNA aus den Eierstöcken der Wespen, wo die Polydnaviren produziert werden. Und sie wurden fündig. 22 Gene der Brackwespe sind identisch mit denjenigen des sogenannten Nudivirus, eines alten Insektenvirus. Darunter sind auch die Gene, die für die Vervielfältigung sorgen – integriert in das Wespengenom. "Vermutlich haben sich die Wespen vor langer Zeit mit dem Virus infiziert", erklärt Jean-Michel Drezen. "Aber dann haben die Wespen es instrumentalisiert, um ihre eigenen Gene in die Raupen einzuschleusen."

Das Virus und die Wespe haben sich also zu einer Symbiose zusammengetan. Fossilanalysen deuten darauf hin, dass dies bereits vor 100 Millionen Jahren geschehen ist. maw