Als Jürgen Rüttgers sich am Telefon meldet, fährt er durch New York und kann die Folgen der Finanzmarktkrise auf der Straße sehen. Der angemietete Wagen, der den nordrhein-westfälische Ministerpräsidenten mit einem Teil seiner Delegation zum Flughafen bringt, gleitet mühelos durch die Third Avenue in Richtung Süden. "Früher gab es auf dieser Strecke jede Menge Staus, jetzt sind die Straßen leerer, wie die Restaurants", berichtet Rüttgers in dem vereinbarten Telefongespräch. Am Abend zuvor hat er seine Delegation zum Steakessen eingeladen, in einem eigentlich angesagten Laden. Trotzdem blieben Plätze leer.

New York ist die letzte Station einer lange geplanten USA-Reise, die dem CDU-Mann in Deutschland eine Menge Aufmerksamkeit verschafft. In der Heimat haben Meldungen über die Schließung der Opel-Werke in Eisenach und Bochum Schrecken verbreitet. Kurz darauf ist Rüttgers zu Besuch beim Mutterkonzern in Detroit, ein idealer Zeitpunkt. Nach einem Gespräch mit General-Motors-Chef Rick Wagoner kann er dementieren: Nichts sei spruchreif. Ob und wie der Staat helfen soll, könne erst entschieden werden, wenn Opel ein Konzept vorgelegt habe.

Rüttgers bei den Autobossen von General Motors in Detroit, Rüttgers als Gastredner in Harvard, Rüttgers zu Besuch bei Experten der Weltbank – in Deutschland sind die Bilder vom Retter Rüttgers in diesen Tagen ständig zu sehen. Das liegt an der Sorge um die Autobranche – vor allem aber daran, dass es vergleichbare Bilder von Angela Merkel nicht gibt.

Anders als die Kanzlerin lässt er sich oft und gern an Werkstoren blicken

Die Kanzlerin hat bisher all jene Retterposen gemieden, die man von Regierungschefs in Krisen kennt. Beim Elbhochwasser streifte sich einst Gerhard Schröder die Gummistiefel über, die Krise des Holzmannn-Konzerns bot ihm einen willkommenen Anlass, sich als Kämpfer für Arbeitsplätze zu zeigen. Angela Merkel hat sich bisher weder vor Werkstoren mit Kurzarbeitern filmen lassen, noch hat sie weinende Sparer getröstet. Sie will keine Versprechen machen, die sie nicht halten kann. Und wie einst Schröder, der während der Agenda-Reformen sagte, er könne kein Pathos, meidet sie die großen Erklärungen und die großen Antworten.

So werden Jürgen Rüttgers in Amerika viele Kanzler-Fragen gestellt, Fragen, die mit nordrhein-westfälischer Landespolitik wenig zu tun haben – zum Beispiel jene, wie viel der Staat eigentlich noch leisten kann. Herr Ministerpräsident, übernimmt der Staat sich nicht, wenn er nach den Banken auch noch die Industrie retten soll und gleichzeitig vielleicht noch Staaten wie Irland stützen muss? "Dazu wird es nicht kommen", bekräftigt Rüttgers bei der Fahrt durch New York. "Solche Horrorszenarien von Staatsbankrotten kursieren nur in Deutschland." Die Experten der Weltbank hätten eine andere, positivere Entwicklung skizziert.

Würde der von ihm vorgeschlagene Deutschlandfonds, der angeschlagenen Unternehmen mit Bürgschaften helfen soll, nicht am Ende ganze Branchen anlocken? "Sollen wir denn zuschauen, wenn die Amerikaner ihren Unternehmen helfen?", fragt Rüttgers zurück. "Eine Staatsbeteiligung bei Opel wäre im Übrigen völlig falsch, es kann allenfalls um Bürgschaften gehen." Noch eine Frage: Droht der Streit um Verstaatlichung und Enteignungen die Union nicht so zu schwächen wie der Streit um die Agenda 2010 die SPD? "Wer so redet, weiß nicht, was in den Betrieben los ist", gibt Rüttgers zurück. "Ich kann nur empfehlen, solche parteitaktischen Gedanken zurückzustellen. Jetzt geht es schließlich um die Menschen."