Es geht um die Wurst. "Ein halbes Gramm isch des höchschte der Gefühle", sagt Arthur Handtmann und klopft auf den Tisch, "damit haben wir gewonnen." Das halbe Gramm macht den Unterschied. So genau arbeiten die Wurstabfüllmaschinen aus seiner Fabrik, genauer als die der Konkurrenz. Das sei die Erfolgsformel, erläutert der 82-jährige Seniorchef der handtmann Gruppe. Denn die Präzision spart den Kunden Geld. Bei bis zu 3000 Cocktailwürstchen, die eine seiner elektronisch gesteuerten Portioniermaschinen pro Minute ausspucken kann, spielt es eben eine Rolle, wie genau man die gewünschte Menge Fleischbrät abpacken kann. Metzger und Fleischverarbeiter aus aller Herren Länder sind deshalb ganz scharf auf die Präzisionsmaschinen aus Biberach an der Riß. Mehr als 80 Prozent seiner Geräte exportiert der Weltmarktführer.

Aber nicht nur bei Fleischereimaschinen spielt der Familienkonzern aus der oberschwäbischen Provinzstadt zwischen Ulm und Bodensee in der Weltliga mit: Auch bei Brauerei-Armaturen, Fräsmaschinen für den Flugzeugbau, langlebigen Kunststoffrollen für Seilbahnen oder Aluminiumgussteilen für Autos hat er sich mit Ideen und Qualität Spitzenplätze gesichert.

Außerhalb ihres Kundenkreises und der Region ist die handtmann Gruppe kaum bekannt. Aber es sind gerade solche mittelständisch geprägten Unternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Die stillen Stützen der deutschen Volkswirtschaft, die auch in Krisenzeiten für Stabilität in ihrer Region und darüber hinaus sorgen.

"Mir arbeitet net für de schnelle Gewinn", sagt "der Arthur", wie ihn die Biberacher respektvoll nennen. Oberstes Ziel sei es, die Firma langfristig zu erhalten: für die Familie, seine 17 Enkel – und für seine Leut’. Seit 1998 führt sein Sohn, der 55-jährige Thomas Handtmann, die Firmengruppe, in vierter Generation. Die fünfte wird schon auf gemeinsamen "Schulungstagen" für den späteren Einstieg vorbereitet, obwohl es "keinen automatischen Aufstieg" geben könne.

Offiziell ist Arthur Handtmann nur noch Vorsitzender des Beirats der Arthur Handtmann Holding, doch tagtäglich ("Ich war hier 50 Jahre der Chef") treibt er seine Leute an, Neues auszuprobieren. Sein Credo – "immer a bissle Abstand zur Konkurrenz halten" – scheint auch unter seinem Sohn zu funktionieren. Allein seit 1997 stieg der Umsatz der Gruppe von 200 auf mehr als 500 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeiter wuchs von 1500 auf knapp 2600 Beschäftigte. Auch wenn es in einer Sparte – wie jetzt bei den Autoteilen aus der Alugießerei – mal kriselt: Die Stammbelegschaft ist den Handtmännern heilig.

Unauffällig, zurückhaltend, schwäbisches Idiom – fast könnte man bei der ersten Begegnung mit den zwei freundlichen Handtmännern dem Klischee von den biederen Provinzunternehmern erliegen. Doch wenn die beiden in ihrer neuen Firmenzentrale an der Arthur-Handtmann-Straße im Biberacher Industriegebiet loslegen, ändert sich das Bild schlagartig. Unternehmenschef Thomas Handtmann, mit Diplom der Ingenieurschmiede ETH Zürich ("Für mich war immer klar, dass ich ins Unternehmen gehe"), kennt nicht nur jedes Detail der neuesten technischen Entwicklungen in seinem Firmenimperium, sondern ist "dauernd auf Achse, um neue Ideen einzubringen" – aus Indien, Amerika, Japan, Russland. Und wenn sein munterer Vater aus der wechselvollen Familien- und Firmenhistorie erzählt, ist die Lektüre der Buddenbrooks fast langweilig dagegen. Offenbar ist es diese gerade bei schwäbischen Mittelständlern immer wieder anzutreffende Mischung aus Bodenständigkeit und Weltläufigkeit, aus privater Bescheidenheit und beruflicher Kreativität, die Firmen mit Weltgeltung hervorbringt.

"Seit 1580", so berichtet der Senior, sind die Vorfahren in Biberach als Bürger ansässig. Handwerker, Bäcker, Brauer. Sein Großvater gründete dann 1873 eine Mechanische Werkstätte und Messinggießerei, die Keimzelle des heutigen Familienkonzerns. Der Vater führte das Kleinunternehmen fort. Zapfhähne, Armaturen für die Schnapsbrenner vom nahen Bodensee und Teile für Dampfloks waren die Hauptprodukte vor dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden älteren Brüder des heutigen Seniorchefs fielen im Krieg. Als Arthur aus der Gefangenschaft nach Hause kam, musste er ran. "Ich hatte nichts gelernt." Der 18-jährige "Oberschüler a. D." musste überall im Betrieb aushelfen: drehen und gießen lernen, Ware organisieren. Dann ging er doch noch zur zweijährigen "Schnellbleiche" an die Ingenieurschule nach Konstanz. Fünf Tage Schule, Samstag und Sonntag organisierte er die Arbeit in der Gießerei. Mit kaum 20 Jahren musste er für den herzkranken Vater die Chefrolle übernehmen.