Zeit seines Unternehmerlebens hat Michael Stoschek, 61, eine Abneigung gepflegt, die sich heute als beinahe visionär erweist: Der eigenwillige Franke mag keine Abhängigkeit von Banken. Keine Akquisitionen mit riskanter Finanzierung. Vor 38 Jahren übernahm er die von seinem Großvater gegründete Familienfirma in Coburg, und der Mittelständler verwandelte sich in die Brose Gruppe. In jedem dritten weltweit gebauten Auto sind heute deren elektrische Fensterheber, Sitzverstellungen oder Antriebsmotoren eingebaut. Aus 1000 Mitarbeitern wurden 14.000, aus 25 Millionen Euro Umsatz derer 2,8 Milliarden.

Und das alles lange Zeit ohne Banken. Stolz konnte Stoschek sagen: "Wir haben unsere Investitionen vollständig aus eigenen Mitteln finanziert." Es ging nur, weil neben ihm auch die anderen vier Familiengesellschafter nicht gierig wurden und die allermeisten Gewinne im Unternehmen ließen. Vor drei Jahren zog sich Michael Stoschek ins Aufsichtsgremium zurück, und der neue Chef hat zum Kauf einer Tochterfirma erstmals einen Kredit aufgenommen. Trotzdem geht Brose mit viel Eigenkapital in die jetzige Wirtschaftskrise – ein großes Plus in diesen für Autozulieferer so schweren Zeiten.

Unternehmerisch geführt und langfristig orientiert: Brose ist ein Beispiel für den Typus des etwas anderen Unternehmens, wie ihn der deutsche Mittelstand hervorbringt. Natürlich macht die Krise nicht vor diesen Firmen halt, und viele Mittelständler werden ihr auch zum Opfer fallen. Doch es gibt eben auch viele, die vergleichsweise gut gerüstet sind, weil sie sich den Moden des Moments zu widersetzen wissen – und wichtige Ressourcen vorhalten. Sie verschulden sich nur ungern und lassen auch Tochterfirmen nicht fallen, bloß weil diese gerade nichts verdienen. Sie treiben auch im Abschwung Innovationen voran. Sie achten auf die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und entlassen nicht gleich jeden, der vorübergehend verzichtbar ist.

Der Managementprofessor Fredmund Malik in Diensten der Schweizer Universität St. Gallen beschäftigt sich seit 30 Jahren mit diesen Unternehmen. Hinter dem Aufstieg der Firmen stehen seiner Analyse nach echte Unternehmer, getrieben von dem Wunsch zur Selbstständigkeit: Sie sind gierig, aber nicht nach Geld, sondern nach Erfolg. Die Firma ist für sie laut Malik kein "Business", sondern Lebenszweck. Deshalb führen sie Firmen auch nicht wie eine Sammlung von Finanzanlagen, die möglichst schnell möglichst viel erbringen müssen, sondern denken in Generationen. Sie bleiben der Börse fern, wo die Shareholder in Wirklichkeit Shareturner sind, wie Malik maliziös erklärt: Sie bleiben nicht bei einer Anlage, sondern wechseln im Takt der Analystenempfehlungen die Aktien.

Idealisiert klingt das schon, ist aber deswegen nicht falsch. Die mittelständischen Unternehmer dieser Prägung sichern der deutschen Wirtschaft die Führungsrolle auf Hunderten von Märkten in der Welt. Und so selbstgefällig und patriarchalisch sie manchmal auftreten, sind sie doch selten aufs schnelle Geld aus.

Manche Unternehmer handeln dagegen von Beginn an gegen solche Prinzipien, und andere – wie Adolf Merckle und Maria-Elisabeth Schaeffler – kommen nach langer Erfolgsstrecke vom Weg ab. Der Arzneifabrikant Merckle, der lange als schwäbisch-bescheiden galt, übernahm sich im Boom mit allerlei Firmenkäufen und verspekulierte weiteres Geld. Am Ende beging er Selbstmord. Die Autozulieferer-Königin Schaeffler verhob sich am Versuch, den riesigen Konkurrenten Conti zu übernehmen.

Doch die Regel ist solches Versagen nicht.