Es klingt fantastisch: 2010 wird Istanbul Kulturhauptstadt Europas, und pünktlich dazu eröffnet die Künstlerakademie Tarabya. In der ehemaligen Residenz des deutschen Botschafters – ein Geschenk des osmanischen Sultans Abdülhamid II. an den letzten deutschen Kaiser – soll an die Tradition des deutsch-türkischen Verhältnisses angeknüpft werden: Deutsche Stipendiaten bekämen für ein halbes Jahr die Möglichkeit, in verschiedenen Kunstsparten ohne finanzielle Sorgen zu arbeiten. Namhafte Künstler aus aller Welt sollen zudem ihre Fähigkeiten den Gästen in Tarabya vermitteln. Die Akademie soll sich auch dem türkischen Kulturleben öffnen und durch Ausstellungen, Konzerte und Lesungen die Istanbuler nach Tarabya locken.

Das klingt verteufelt nach dem Modell Künstler-Erholungsheim, wie es die Villa Massimo in Rom darstellt. Auch dort nutzen bereits etablierte Künstler das Stipendium, um ihre Projekte zu verwirklichen. Was aber ist mit dem Austausch? Der kommt nicht durch die bloße Verschickung eines Künstlers nach Italien, in die Türkei oder Timbuktu zustande, zumal kaum einer der Reisenden die Sprache seines Gastlandes beherrscht. Im Fall Tarabya sollen die Bewerber glaubhaft machen, dass sie ein besonderes Interesse an der Türkei hegen. Reicht es, dass der zukünftige Stipendiat sagt, er wollte schon immer mal türkische Musik, Literatur oder Malerei kennenlernen? Oder muss er versprechen, dass die Türkei in seinem nächsten Projekt eine tragende Rolle spielen wird? Das wäre zu viel Beeinflussung – wir erinnern uns: Der Künstler ist autonom und die Kunst frei.

Wie wäre es stattdessen mit einem längst fälligen Experiment? Türkischstämmige Künstler in Deutschland gibt es in allen Bereichen, Design, Architektur, Literatur, Mode, bildende Kunst, Oper, Tanz, Theater. Schicken wir sie und ein paar deutschstämmige Kollegen nach Istanbul und verpflichten sie zu einer gemeinsamen Gestaltung eines Abends, der in Istanbul und Berlin gezeigt wird. Denn noch sind die beiden Kulturszenen voneinander getrennt. Ein Fatih Akin und ein Feridun Zaimoglu bilden nicht die türkischstämmige Kulturszene ab. Für diesen Versuch muss man sich allerdings von der Vorstellung des "etablierten Künstlers" verabschieden. Türkischstämmige Künstler sind nicht etabliert, weil der deutsche Kulturbetrieb sie allenfalls als Nischenphänomen wahrnimmt und ihre Visionen und Geschichten nicht als gesamtdeutschen Beitrag begreift. Deutschstämmigen Kulturschaffenden kann man ebenfalls nicht nachsagen, dass ihr Interesse an der Türkei und den Türken, hier wie dort, bemerkbar ist. Das Vergabekriterium "spezielles Interesse" kann man also auch getrost vergessen. Man gehe nur einmal ins Berliner Ballhaus Naunynstraße, wo die türkischstämmige Crème de la Crème der Kulturszene zeigt, was sie beschäftigt. Aber sie spielt dort allein vor ihresgleichen.

Die Villa am Bosporus hat nur einen Sinn, wenn sie Perspektiven verschiebt und zwei Kulturszenen wirklich zueinanderbringt. Das wäre ein Dialog, wie es ihn weder in Deutschland noch in der Türkei jemals gegeben hat, und schafft Publikum auf beiden Seiten. Denn mal ehrlich: Haben wir durch den Aufenthalt unserer Künstler in Rom irgendeine Erkenntnis gewonnen, die wir nicht schon vorher hatten?