Deutsches Reinemachen

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Kate Winslet lauscht ihrem Vorleser Michael (David Kross) © CENTRAL FILM Verleih GmbH

Wer Bernhard Schlinks Weltbestseller Der Vorleser verfilmen will, benötigt vor allem einen erfahrenen Bademeister. Zwei von Schlinks Helden leiden unter Waschzwang und müssen immerzu baden. Blitzsauber wollen sie sein, und immer wieder springen sie hinein in die Lethe, den Fluss des Vergessens. Doch alles Bürsten, Schrubben, Rubbeln, Scheuern hilft nicht, der Schmutz sitzt tief unter der Haut. Der Schmutz ist Schuld, deutsche Schuld, und diesen Schmutz müssen sie loswerden. Aber wie?

Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser ist ebenso berühmt wie berüchtigt, wobei die Frage, warum das Buch weltweit so erfolgreich ist, das weitaus größere Rätsel darstellt. Die Konstruktion ist aberwitzig, man könnte auch sagen: Sie ist tückisch und wie mit der Brechstange hingebogen. Die von dem amerikanischen Regisseur Stephen Daldry ( The Hours ) verfilmte Geschichte geht so: Der Gymnasiast Michael (David Kross) bekommt Scharlach und erbricht sich bei strömendem Regen in einem Hauseingang, woraufhin eine Bewohnerin herbeieilt und das Malheur mit einem bereitstehenden Eimer Wasser fortspült. Die beiden treffen sich wieder, und nachdem Michael ein Bad genommen hat, verführt ihn die geheimnisvolle, zwanzig Jahre ältere Unbekannte noch an der Wanne. Mit wachsendem Vergnügen erlebt Michael ein Frühlingserwachen in den Feuchtgebieten der jungen Bundesrepublik, doch das Schönste daran ist: Nach jedem gelungenen Akt bittet ihn Hanna (gespielt von der für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichneten Kate Winslet ), ihr aus einem Klassiker vorzulesen, meistens Homer , manchmal tut es auch Lessing. Danach wieder ein Vollbad.

Die Lustreise ins Quellgebiet der abendländischen Kultur plätschert eine Weile vor sich hin, und bevor die Alphabetisierung ein Ende hat und Hanna vorerst aus Michaels Leben verschwindet, wird der Schulbub noch einmal kräftig eingeseift, denn er ist eine saubere Haut und soll es bleiben. Einige Jahre später begegnen die beiden sich wieder. Hanna steht vor Gericht, sie war eine KZ-Aufseherin. Zugleich erfährt der Zuschauer, dass sie nie lesen und schreiben lernte, also fern jener deutsch-abendländischen Kultur war, die ihr der unbescholtene Liebhaber mit seinen literarischen Betthupferln nahegebracht hatte.

Nach seinem Erscheinen 1995 kritisierten vor allem jüdische Intellektuelle Schlinks Roman als beispiellosen Fall von "Kultur-Pornografie". Der in Oxford lehrende Germanist Jeremy Adler warf Schlink im Times Literary Supplement vor, er füge der Schmach jüdischer Opfer eine neue hinzu. Ausgerechnet eine ungebildete Frau personifiziere die deutsche Schuld; Schlink mache aus einer SS-Schergin eine virtuelle Heilige und verwandele eine Täterin in ein Opfer. Das einzige Leiden, das sich der Vorstellungskraft seines eiskalten Erzählers erschließe, sei das Leiden am eigenen, am deutschen Trauma.

Adlers Kritik griff weit aus, aber in einem entscheidenden Punkt nicht weit genug. Warum Homer? Warum zitiert der Junge mit dem sympathischen Griechenfimmel ständig die Odyssee? Stephen Daldrys Film suggeriert: Weil das Schicksal der deutschen Nation dem des homerischen Helden vergleichbar ist. Odysseus erlebte auf seiner Reise schlimme Dinge, auch viel Tragik, aber nun hat er "Sitte" gelernt und alles Recht, aus der Fremde nach Hause zurückzukehren, nach Ithaka, an den Ort seiner kulturellen Identität. Aber warum ist Deutschland/Odysseus die glückliche Heimkehr verwehrt? Warum versäumt der von Ralph Fiennes gespielte ältere Michael, ein Jammerlappen, sein Leben? Warum fallen die Deutschen in der "Neustadt" in kollektive Depression? Ganz einfach: Weil zu Hause ein fremder Gast hockt, der ihnen den Zutritt verwehrt. Es ist die lästige Erinnerung, die Erinnerung an Auschwitz .

Auch wenn Daldrys amerikanische Verfilmung gewisse literarische Fixierungen des Romans aufgibt, so bringt er dessen Obsession, seinen Reinheitswahn, erschreckend genug ans Licht. Es ist die Behauptung, deutscher Geist und deutsche Kultur seien sauber geblieben und hätten mit dem Faschismus nichts zu schaffen. Hanna, die SS-Frau mit dem jüdischen Namen, konnte nicht lesen, sie war ein unbeschriebenes Blatt und hat dieses mit ihren Taten nicht befleckt. Das heißt: Mit einem scharfen Schnitt trennt der Vorleser den Nationalsozialismus von seiner geistigen Vorgeschichte ab. Die kulturelle, irgendwie griechisch-christliche Substanz der Deutschen ist unschuldig und nicht zu belangen. Vermutlich soll niemand auf falsche Gedanken kommen und fragen, warum "abendländische" Eliten dem Nationalsozialismus zur Macht verhalfen, warum Goethes Weimar Hitlers Buchenwald nicht verhindert hat. Und niemand soll fragen, warum eine Nation, die sich dem "Griechentum" am nächsten fühlte, einen historisch präzedenzlosen Massenmord begangen hat.

 

Natürlich gibt es Schuld, das stellt der Film gar nicht in Abrede. Aber weniger eine individuelle, sondern eine, die sich im Fall von Hanna einem moralischen Dilemma verdankt. "Wie hätten Sie denn an meiner Stelle gehandelt?", fragt die Angeklagte ihren Richter, und dieser findet darauf keine Antwort. Demnach wäre die Täterin schuldlos-schuldig geworden, und diese Art Schuld, so insinuiert der Film, könne von den Nachgeborenen, von ihrem Recht und ihrer Moral, nur verfehlt werden. Im Übrigen gilt das Rückwirkungsverbot, wie Michaels Juraprofessor ( Bruno Ganz ) seinen Studenten mit säuselndem Tiefsinn unter die Nase reibt. Die Täter dürften nur nach damaligen Rechtsmaßstäben beurteilt, also keinesfalls wegen Mordes, nur wegen Totschlags angeklagt werden.

Nun könnte man sagen, der Film zeige, dass auch Mörder Menschen seien und niemand wissen könne, wie er unter vergleichbaren Umständen selbst gehandelt hätte. Das immerhin wäre ein Motiv, aber es spielt, wenn überhaupt, nur am Rande eine Rolle. Tatsächlich geht es um etwas anderes – es geht darum, die Erinnerung an Auschwitz neu zu "rahmen" und eine andere Geschichte, einen anderen Film über das Trauma zu legen. Die Barbarei wird nicht verdrängt, sie wird sogar ausdrücklich gezeigt; aber sie wird neu belichtet und mit einer anderen Klage überschrieben, der Klage über den Verlust der kulturellen Identität. Diese Klage mag ihr eigenes Recht haben; obszön wird sie in dem Augenblick, wo sie die moralische Schuld zum Verschwinden bringt und den Eindruck erzeugt, die Deutschen seien ebenso Opfer wie die Juden auch. Oder noch abstoßender: Wenn ihre Schuld angeblich darin besteht, reuige SS-Täter nicht mehr in die Gemeinschaft aufgenommen zu haben.

Am Schluss fährt Michael zu einer überlebenden, natürlich sehr reichen, ganz in Weiß gekleideten Jüdin nach New York . Die Szene folgt dem Muster, das der Literaturwissenschaftler Matthias Lorenz bei Schlink (und Martin Walser ) vielfach nachgewiesen hat: Das Leidensgedächtnis jüdischer Figuren wird abgespalten und zu einer Art Gruppenerinnerung erklärt, die Nichtjuden verschlossen bleibt, ja: kaum etwas angeht. Und prompt fällt der Satz, auf den im Film alles zuläuft. Die Deutschen, sagt die Überlebende, sollten endlich aufhören, ständig an die Lager zu denken. Wie gut, dass die Juden selbst einen Schlussstrich ziehen, es wurde auch höchste Zeit. Im Gegenzug, könnte man vermuten, verzeihen die Deutschen den Juden, dass sie von ihnen so lange mit der Erinnerung an Auschwitz gequält wurden.

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